“Lew Kopelew
Aufbewahren für alle Zeit!
Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus dem Osten des Landes – sie waren die direkte Folge des Vormarsches der Roten Armee, damit natürlich auch ein Thema für russische Schriftsteller. Und gleich zwei der prominentesten von ihnen, nämlich Lew Kopelew und der spätere Literatur-Nobelpreisträger Aleksandr Solschenizyn waren als junge Sowjet-Offiziere beim Vormarsch durch Ostpreußen 1944/45 dabei.
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Bei der geistigen Auseinandersetzung mit der furchtbaren Geschichte dieses Krieges brauchen wir auch ihre Sicht. Denn – wie Heinrich Böll im Nachwort zu Kopelews Buch schrieb:
Der ganze Zusammenhang muss hergestellt, gemeinsam erörtert und analysiert werden.
Und wenn Böll vor nun fast dreißig Jahren zu Recht den Nachdruck seiner Argumentation darauf legte, dass die Deutschen nie vergessen dürften, was sie vor 1945 den anderen angetan haben, ehe sie sich damit beschäftigen, „was“ – Zitat: – „uns nach 1945 angetan wurde“, so haben wir heute – zwei Generationen später – vielleicht sogar die Pflicht, auch dem verdrängten Leid von deutschen Menschen seinen Platz im kollektiven Gedächtnis zu geben. Lew Kopelew hat das schon in seinem autobiographischen Buch von 1976 getan.
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Der Major der Roten Armee Lew Kopelew aber, der – perfekt deutsch sprechend – in der Politverwaltung „für“ – wie es hieß – „die Arbeit unter den Truppen des Gegners und in der Feindbevölkerung“ zuständig war, beschreibt in seinem dokumentarischen Bericht das Leiden der Zivilbevölkerung. Die moralische Empörung des damals überzeugten Kommunisten und Parteigänger Stalins über das brutale Verhalten der Sowjetarmee trug ihm den Vorwurf von – so der Wortlaut: „mangelnder Wachsamkeit und bürgerlich-humanitärer Einstellung in Form von Mitleid mit den Deutschen“ ein und führte schließlich zur Anklage vor einem Militärtribunal. Ihn bringt es zur Verzweiflung, dass völlig unversehrte Orte wie Neidenburg oder Großkoslau sinnlos in Brand gesteckt werden, dass Marodeure auf ihren Raubzügen ganze Lastwagenfuhren voller so genannter „Trophäen“ in Beutedepots stapeln. Den Sowjetsoldaten war nach Überschreiten der deutschen Grenze ausdrücklich erlaubt worden, Pakete nachhause zu schicken, was einer direkten Aufforderung zum Plündern gleichkam. Darüber schreibt auch Solschenizyn:
Und überall der verstreute, teils noch warme deutsche Reichtum. Sammel ihn ein, schick ihn nachhause. Dem Soldaten sind fünf Kilo erlaubt, dem Offizier zehn, dem General ein Pud.
... also etwas über 16 Kilogramm. – Kopelews Vorgesetzter, der ihn später denunziert, begründet das so:
Wir sind Materialisten, wir müssen uns darüber klar sein. Das heißt: was ist zu tun, damit der Soldat Lust zum Kämpfen behält? Erstens: Er muss den Feind hassen wie die Pest, muss ihn mit Stumpf und Stiel vernichten wollen. Und damit er seinen Kampfwillen nicht verliert, muss er zweitens wissen: Er kommt nach Deutschland, und alles gehört ihm – die Klamotten, die Weiber, alles! Schlag drein, dass noch ihre Enkel und Urenkel zittern!
Aber nicht die Plünderungen waren das eigentlich Schreckliche, sondern das tagelange Morden und Vergewaltigen von Zivilisten, ehe der Befehl von Marschall Rokossowski diesem furchtbaren Treiben Einhalt gebot.
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Kopelew fühlt sich für alles, was passiert, mitverantwortlich:
Wir gehören alle zusammen: der General, der auf dem Bahnhof das Einheimsen deutscher Koffer befehligte, der Pionieroberleutnant, der an den Internationalismus glaubt und alle die jetzt dort an der vordersten Linie kämpfen, durch den Schnee mit den schwarzen Flecken frischer Einschläge vorstoßen, die sterben, verbluten, und alle, die in den Etappen saufen und Frauen quälen. Wir alle gehören zusammen. Die Anständigen und die Schufte, die Tapferen und die Feiglinge, die Gutherzigen und die Grausamen Ruhm und Schande lassen sich nicht voneinander trennen.
Kopelew geht es in seinem Buch um die Schande, Solschenizyn um den Ruhm der Roten Armee trotz alledem. Auch die Sichtweisen dieser beiden russischen Zeugen gehören zusammen.“
Quelle: Deutschlandfunk, 24.01.2005
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