Zielscheibe im Sihltal
Warum Rheinmetall im Ochsenboden bei Studen sitzt – und was das für die Schweiz bedeutet
Ein deutscher Konzern im Schwyzer Tal
Im oberen Sihltal, in Studen bei Unteriberg, betreibt die Schweizer Tochter des Düsseldorfer Rüstungskonzerns Rheinmetall seit Jahrzehnten das Erprobungszentrum Ochsenboden. Was 1953 als Werksschiessplatz der Oerlikon-Bührle auf einem zunächst 160 Hektar grossen Areal begann und später auf mehrere hundert Hektar erweitert wurde, dient heute der Erprobung von Waffen, Munition und ganzen militärischen Systemen. 1990 übernahm Rheinmetall die Anlagen. Im April 2026 folgte der Spatenstich für eine neue Werkstatt- und Lagerhalle der Rheinmetall Air Defence, unmittelbar neben dem Testgelände. Abnahme, Reparatur, Finishing, Verpackung und Versand sollen künftig hier gebündelt werden. Der Konzern spricht von Synergien, regionaler Wertschöpfung und bis zu dreissig neuen Stellen. Das stille Tal wird damit fester Bestandteil einer internationalen Rüstungskette, die von Zürich-Oerlikon über Altdorf bis nach Düsseldorf reicht.
Wenn ein Testgelände zur Zielscheibe wird
Ein Standort, an dem Flugabwehrsysteme und Munition erprobt, angenommen und versandt werden, ist kein gewöhnlicher Gewerbepark. Wer Kriegsmaterial für Parteien eines laufenden Konflikts liefert oder prüft, macht den Ort sichtbar. Rheinmetall bezeichnet sich selbst als wichtigen industriellen Partner der Ukraine. Was in den Schweizer Werken entsteht, findet im Ochsenboden seinen Prüfstand. Für einen Gegner, der Lieferketten stören will, liegt ein solches Gelände nicht im luftleeren Raum. Die Schweiz würde dann nicht mehr nur zuschauen, sondern selbst auf der militärischen Karte stehen. Sicherheit durch Unauffälligkeit gibt es in diesem Geschäft nicht. Ein Schiess- und Versorgungsplatz in einem engen Alpental ist leicht zu lokalisieren und schwer zu schützen.
Neutralität als Dienstleistung
Die Neutralität der Schweiz war nie nur eine moralische Pose, sondern ein Sicherheitsversprechen: keine Partei ergreifen, keine fremden Kriege auf eigenem Boden vorbereiten. Ein deutscher Konzern, der hier Systeme testet und logistisch verdichtet, die anderswo im Einsatz stehen, kehrt dieses Versprechen um. Die Schweiz stellt Infrastruktur, Bewilligungen und ein ruhiges Tal zur Verfügung. Die strategischen Entscheidungen fallen in Düsseldorf und in den Hauptstädten der Abnehmer. So wird aus einem souveränen Staat ein Standortfaktor. Wer fremden Interessen den Boden bereitet, dient ihnen, auch wenn die Tochtergesellschaften formell nach Schweizer Recht firmieren. Die Neutralität verkommt zur Kulisse, hinter der andere ihre Geschäfte abwickeln.
Uranmunition und offene Fragen im Tal
Rheinmetall erklärt öffentlich, weder Uranmunition zu entwickeln noch zu produzieren oder zu vertreiben. Historisch ist das Bild weniger sauber. In den späten 1960er Jahren wurden auf dem Ochsenboden Schiessversuche mit abgereichertem Uran durchgeführt; die damalige Contraves verschoss dort Dutzende Geschosse. Kantonale Angaben sprechen von rund fünf Kilogramm Uran insgesamt. Untersuchungen der Jahre 2001 und 2002 fanden nach amtlicher Darstellung keine messbaren Rückstände. Unbestätigte Berichte aus der Region bringen gleichwohl eine zeitweise erhöhte Krebsrate im Tal mit diesen Versuchen in Verbindung. Ein zwingender kausaler Nachweis liegt nicht vor. Die Sorge bleibt trotzdem berechtigt: Was einmal im Boden und in der Luft war, lässt sich nicht einfach weg erklären. Vertrauen entsteht nicht durch Pressemitteilungen, sondern durch Transparenz, die hier lange gefehlt hat.
Das Sihltal ist klein, der Konzern ist es nicht. Wer hier ausbaut, entscheidet nicht nur über Hallen und Stellen. Er entscheidet, ob die Schweiz noch Herrin über ihren Boden bleibt oder bloss noch den Hof für fremde Vögte stellt.
Wer Waffen exportiert, importiert Krieg – wer Uranmunition exportiert, importiert den Tod – wer sich den Vasallen verkauft, muss fremdes Recht in Kauf nehmen. NEIN zum Krieg und ja zur Neutralität.
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