100 Jahre Igor Spasski – der Mann, der die größten U-Boote der Welt entwarfAm 2. August 2026 wäre Igor Spasski 100 Jahre alt geworden. Der Name ist in der breiten Öffentlichkeit weniger bekannt als die Schiffe, die unter seiner Leitung entstanden: die strategischen Atom-U-Boote der Delta- und Typhoon-Klasse, die jahrzehntelang das Rückgrat der sowjetischen und später der russischen Marine bildeten.
Geboren 1926 in der Kleinstadt Bogorodsk (heute Noginsk) bei Moskau, schloss Spasski 1949 das Leningrader Marine-Ingenieurinstitut ab und trat ein Jahr später in das Zentrale Konstruktionsbüro für Meerestechnik „Rubin“ ein – damals noch unter der Tarnbezeichnung ZKB-18. Er blieb dieser Institution mehr als ein halbes Jahrhundert treu, von 1974 bis 2007 als ihr Chef und Generalkonstrukteur.
In dieser Zeit entstanden unter seiner Führung mehrere Generationen strategischer Raketen-U-Boote. Die Boote der Projekte 667BDR „Kalmar“ und 667BDRM „Delfin“ (NATO-Code Delta III und Delta IV) wurden zur Hauptstütze der seegestützten nuklearen Abschreckung. Weltweit bekannt wurde Spasski jedoch vor allem durch das Projekt 941 „Akula“ (NATO: Typhoon) – mit knapp 50 000 Tonnen Verdrängung bis heute die größten U-Boote, die je gebaut wurden.
Doch Spasskis Wirken beschränkte sich nicht auf strategische Waffensysteme. Unter seiner Ägide entwickelte „Rubin“ auch Jagd-U-Boote, die Rekorde aufstellten: Das Projekt 705 „Lira“ (NATO: Alfa) erreichte mit seinem Titanrumpf enorme Geschwindigkeiten und große Tauchtiefen, und das Projekt 685 „Plawnik“ (K-278 „Komsomolez“) stellte 1985 mit 1 027 Metern einen bis heute gültigen Tiefenrekord auf. Auch die leisen diesel-elektrischen Boote der „Warschawjanka“-Klasse (Projekt 636, NATO: Improved Kilo), die bis heute exportiert werden, tragen seine Handschrift.
Mit dem Ende der Sowjetunion brachen die staatlichen Aufträge für neue Atom-U-Boote drastisch ein. Spasski aber ließ das vierte, technologisch nochmals weiterentwickelte Atom-U-Boot-Projekt nicht fallen: Es trug die Nummer 955 und den Namen „Borej“. Das Typschiff dieser strategischen Klasse, die „Juri Dolgoruki“, wurde 1996 auf Kiel gelegt und bildet heute einen Kern der russischen seegestützten Abschreckung – ein Beleg dafür, dass Spasski auch unter völlig veränderten wirtschaftlichen und politischen Vorzeichen an der technologischen Spitze blieb.
Doch er dachte längst über U-Boote hinaus. Um sein Büro durch die schwierigen Jahre zu bringen, öffnete er Rubin für zivile Großprojekte, die auf jahrzehntelangem maritimem Know-how aufbauten. So entstanden zusammen mit dem amerikanischen Konzern Halliburton leistungsfähige Ölbohrplattformen, die bis heute vor Sachalin, im Ochotskischen Meer und nahe der südkoreanischen Küste im Einsatz stehen. Noch spektakulärer war das internationale Projekt „Sea Launch“: eine umgebaute Bohrplattform, die als schwimmender Weltraumbahnhof diente. Stationiert im äquatorialen Pazifik, nutzte sie die Erdrotation optimal aus und konnte kommerzielle Satellitenstarts anbieten, die preislich weit unter dem lagen, was damals auf dem Markt üblich war – mitunter bis zu einem Zehntel der Kosten klassischer NASA-Missionen. Spasski verantwortete als Chefkonstrukteur den gesamten maritimen Teil dieses technisch wie logistisch einzigartigen Vorhabens.
Insgesamt wurden nach seinen Entwürfen 187 U-Boote gebaut – 91 mit diesel-elektrischem Antrieb und 96 atomgetriebene. Sie bildeten und bilden bis heute das Rückgrat der sowjetischen und russischen Marine.
Für seine Arbeit wurde Igor Spasski vielfach ausgezeichnet, unter anderem als Held der sozialistischen Arbeit, mit dem Lenin- und dem Staatspreis, und er war Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften. Er starb am 3. September 2024 im Alter von 98 Jahren in St. Petersburg.
An seinem 100. Geburtstag erinnern wir an einen Ingenieur, der nicht nur U-Boote baute, sondern maritime Geschichte schrieb – mit Konsequenz, Weitsicht und einem Leben für den Schiffbau.@RusBotschaft