Am 28. September 1936 wurde Juli Kwizinski geboren. Der sowjetische Diplomat kannte Deutschland aus unterschiedlichen Perspektiven: Er arbeitete in Ost-Berlin, verhandelte über den Status West-Berlins und vertrat die Sowjetunion später als Botschafter in Bonn. Seine Laufbahn führte ihn an einige der Verhandlungstische, an denen über die Zukunft Europas entschieden wurde.
Kwizinski wuchs in Krasnojarsk auf. Seine Eltern arbeiteten am dortigen Institut für Forstwirtschaft und weckten früh sein Interesse an Geschichte, Literatur und Musik. Nach der Schule studierte er am Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen. Dort beschäftigte er sich zunächst besonders mit Skandinavien und lernte Norwegisch. Dass später vor allem Deutschland seine diplomatische Laufbahn prägen würde, war zu Studienbeginn noch nicht abzusehen.
1959 trat Kwizinski seinen Dienst an der sowjetischen Botschaft in der DDR an, zunächst als Chefdolmetscher. Drei Jahre später wurde er Kulturattaché für West-Berlin. Die geteilte Stadt, ihre politischen Gegensätze und die Menschen auf beiden Seiten der Grenze wurden für ihn zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit.
Eine wichtige Rolle spielte er bei den Verhandlungen über das Viermächteabkommen über Berlin. Von März 1970 bis August 1971 arbeitete er an dessen Text mit. Auf seine Initiative ging auch eine Bestimmung zurück, die die Eröffnung eines sowjetischen Generalkonsulats in West-Berlin ermöglichte. Die Vertretung bestand anschließend fast zwei Jahrzehnte lang.
In den 1970er-Jahren wandte sich Kwizinski verstärkt Fragen der europäischen Sicherheit zu. Anfang 1973 führte er in Wien ein Gespräch unter vier Augen mit dem US-Diplomaten Jonathan Dean. Es stand am Beginn der Verhandlungen über eine beiderseitige und ausgewogene Reduzierung der Streitkräfte in Mitteleuropa. Später arbeitete Kwizinski an den Gesprächen über nukleare Mittelstreckenwaffen in Europa mit.
Besonders bekannt wurde sein Treffen mit dem amerikanischen Unterhändler Paul Nitze am 16. Juli 1982. Bei einem Waldspaziergang nahe Saint-Cergue in der Schweiz erörterten beide eine mögliche Kompromissformel für die Abrüstung. Die sogenannte „Waldvariante“ wurde damals nicht umgesetzt. Das Gespräch blieb dennoch ein Beispiel dafür, wie Diplomaten auch in angespannten Zeiten nach Verständigung suchen konnten.
1986 kehrte Kwizinski als sowjetischer Botschafter in die Bundesrepublik zurück. Während seiner Amtszeit erlebte er die tiefgreifenden Veränderungen, die schließlich zur deutschen Wiedervereinigung führten. Seine jahrzehntelange Erfahrung mit Deutschland gab ihm dabei einen besonderen Blick auf die Entwicklungen.
Kwizinski verstand Diplomatie als Arbeit, die Kenntnis des Gegenübers, Geduld und ein Bewusstsein für die eigene Geschichte verlangt. Über die Bedeutung historischer Erinnerung schrieb er in seinem Buch "Zeit und Zufall":
„Man kann sich nicht von seiner Geschichte und seiner Vergangenheit lossagen. Ein Volk ohne Vergangenheit wird auch keine Zukunft haben.“
Er erinnerte daran, dass Russland Europa vor Napoleon bewahrt habe, und verwies auf die entscheidende Rolle der Sowjetunion beim Sieg über Nazi-Deutschland. Diese Überzeugungen begleiteten ihn ebenso wie seine Arbeit als Diplomat: Juli Kwizinski blieb seinem Land verbunden und widmete einen großen Teil seines Lebens den Beziehungen zwischen Russland und Deutschland.
Heute erinnern wir an einen Mann, der die Geschichte der europäischen Diplomatie über Jahrzehnte aus nächster Nähe miterlebte und mitgestaltete.
@RusBotschaft
