Impfstoff-Mangel drohtJetzt soll der Bundeskanzler das Biontech-Werk sichern
Der Oberbürgermeister von Marburg appelliert an die Regierung: Bei einer neuen Pandemie oder einem biologischen Angriff stehe Deutschland ohne Schutz da.
Aus und vorbei. Die Schließung des Impfstoffwerks in Marburg, die Biontech Ende September bekanntgab, ist nicht nur ein Schlag für die gut 500 Beschäftigten, die nun ihren Job verlieren. Sondern für das ganze Land, sagt Marburgs Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD). Der OB sieht die „Versorgungssicherheit und Krisenresilienz Deutschlands und Europas sehr ernsthaft in Gefahr“.
Millionen Menschenleben gefährdet
In einem Schreiben, das der WirtschaftsWoche vorliegt und an Bundeskanzler Friedrich Merz sowie die Minister Alexander Dobrindt (Innen), Boris Pistorius (Verteidigung), Dorothee Bär (Forschung) und Carsten Linnemann (Gesundheit) adressiert ist, schildert Spies die seiner Meinung nach dramatische Lage. „Nicht mehr und nicht weniger als Millionen Menschenleben stehen auf dem Spiel, wenn die aufgebauten Strukturen verloren gehen“, schreibt Spies, der einst selbst Medizin studiert hat. „Die nächste Pandemie wird kommen – hierzu hat die Wissenschaft klare Prognosen gemacht. Die Frage ist nicht, ob – nur wann.“
Die Regierung müsse für die Anlage „mit höchster Priorität“ eine Lösung finden, fordert der OB. Wie diese aussehen sollte – ob etwa der Bund das Werk übernehmen soll –, lässt er offen. Gegenüber der WirtschaftsWoche erklärte Spies, es sei „fahrlässig“, die größte mRNA-Produktionsanlage in Europa aufzugeben. Der Vorteil des Botenstoffs mRNA, der die Abwehrkräfte im Körper stimuliert, liegt darin, dass er schneller auf neue Viren reagieren kann als klassische Impfstoffe.
Während der Corona-Pandemie produzierte das Biontech-Werk in Marburg den Impfstoff für Deutschland. Mit der nachlassenden Nachfrage war der Standort für das Mainzer Biotech-Unternehmen jedoch nicht mehr rentabel. Biontech hatte das Werk in Marburg im Sommer 2020 eigens für die Herstellung des Corona-Impfstoffs vom Schweizer Pharmakonzern Novartis übernommen. Ein halbes Jahr dauerte es danach, bis die Massenproduktion des mRNA-Impfstoffs lief. „Müsste man all das neu aufbauen, so würde erneut sehr viel wertvolle Zeit verstreichen“, argumentiert Spies in seinem Schreiben an Kanzler und Minister.
Eigene Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionskapazitäten seien deshalb für die staatliche Souveränität unerlässlich. „Wollen wir in Zeiten wachsender nationaler Egoismen tatsächlich darauf vertrauen, die wirksamen Mittel aus den USA oder China zu erhalten?“, fragt Spies in dem Schreiben, rein rhetorisch.
Kein Vertrauen auf die USA und China
Der Marburger OB sorgt sich nicht nur um eine künftige Pandemie. „Ein hybrider Angriff auf Deutschland könnte nicht nur mit Computerviren, sondern auch mit biologischen Waffen geführt werden“, sagt er der WirtschaftsWoche. Moderne mRNA-Technologien könnten dazu beitragen, auf neuartige biologische Bedrohungen besonders schnell zu reagieren.
Spies betont in seinem Schreiben an die Spitzenpolitiker, dass es ihm nicht zuerst um die Stadt Marburg gehe, sondern darum, dass „für Deutschland und Europa Existenzielles auf dem Spiel steht“. Etwas Werbung macht er dann allerdings doch für Marburg.
In seiner Heimatstadt sei vieles vorhanden, um im Ernstfall handlungsfähig und unabhängig zu sein. Mit der Philipps-Universität gebe es vor Ort einen der „bedeutendsten pharmazeutischen Forschungsstandorte Deutschlands“. Die Hochschule verfüge zudem über eines der wenigen Hochsicherheitslabore der höchsten Sicherheitsstufe. Zudem sprächen die langjährigen Erfahrungen bei der Entwicklung und Produktion von Impfstoffen für den Standort.Wie die Adressaten auf das Schreiben aus Marburg reagieren, ist noch offen.
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