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Oberster US-Richter bezeichnete Nürnberger Prozesse als „Lynchjustiz“
Harlan Fiske Stone (1872–1946) war Justizminister unter US-Präsident Calvin Coolidge sowie Oberster Richter der Vereinigten Staaten. Gemeinsam mit seinen Kollegen Louis D. Brandeis und Benjamin N. Cardozo unterstützte er die von Präsident Franklin D. Roosevelt eingeleitete Politik des New Deal. Diese Unterstützung brachte ihm die Sympathie des Präsidenten, der ihn im Juli 1941 zum 12. Chief Justice of the United States ernannte.
In Alpheus T. Masons Biografie über Stone wird beschrieben, dass er die Nürnberger Prozesse als eine Art „Lynchjustiz“ des US-Chefanklägers Jackson ansah, bei der der Sieger unter einer falschen Fassade von Rechtsstaatlichkeit über den Besiegten urteilt. Dadurch könnte eine neue Doktrin des Völkerrechts entstehen, nach der die Führer der Besiegten von den Siegern hingerichtet werden:
„Soweit der Nürnberger Prozess ein Versuch ist, die Ausübung der Macht des Siegers über den Besiegten zu rechtfertigen, weil der Besiegte einen Angriffskrieg geführt hat“, erklärte er, „missfällt es mir zutiefst, das Ganze mit einer falschen Fassade von Rechtsstaatlichkeit zu versehen. Das Beste, was man darüber sagen kann, ist, dass es sich um eine politische Handlung der siegreichen Staaten handelt, die moralisch richtig sein mag – so wie die Internierung Napoleons um 1815. Doch die Alliierten jener Zeit hielten es nicht für nötig, diese Maßnahme durch den Rückgriff auf nicht existente Rechtsgrundsätze zu rechtfertigen. Praktisch gesehen scheint es mir, dass die Schwierigkeiten und Ungewissheiten, festzustellen, wer unter den Bedingungen des modernen Krieges der Aggressor ist, uns zögern lassen sollten, für die Zukunft ein Prinzip aufzustellen, das immer verlangt, diese Frage vom Sieger beantworten zu lassen.“
Alle Kriege seien in Wahrheit Angriffskriege. Die eigentliche Quelle der Autorität sei „die Macht des Siegers über den Besiegten“. „Es würde mich nicht sonderlich stören“, schrieb er, „wenn diese Macht offen und ehrlich genutzt würde, um die deutschen Führer dafür zu bestrafen, dass sie ein übles Gesindel sind – aber es beunruhigt mich, dass man dies in die Gewänder des Common Law und der verfassungsmäßigen Garantien für Angeklagte kleidet. Es sieht so aus, als würden wir uns auf den Grundsatz festlegen, dass der Ausgang jedes Krieges darin bestehen muss, dass die Führer der Besiegten von den Siegern hingerichtet werden.“
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