Welche Lebensmittel wählen kleine Kinder, wenn niemand ihnen vorschreibt, was sie essen sollen? - Teil 3️⃣
Gerade darin liegt ein bemerkenswerter Kontrast zur Gegenwart. Getreide begegnet Kindern heute häufig in stark verarbeiteter Form: zum Frühstück als gezuckerte Cerealien oder Toast mit Marmelade, Honig oder Schokocreme, in der Brotdose als Cracker, Kekse oder Müsliriegel, mittags als Nudeln mit Ketchup oder Pizza und zwischendurch als Gebäck.
Viele getreidehaltige Produkte, die Kinder heute bevorzugen, sind geschmacklich so gestaltet, dass sie mit einem schlichten Haferbrei oder gekochtem Vollkorngetreide kaum noch vergleichbar sind. Hinzu kommt, dass ausgerechnet die an Kinder gerichteten Varianten häufig noch mehr Zucker enthalten als vergleichbare Produkte für Erwachsene. Bunte Figuren, spielerische Formen und Gesundheitsversprechen erzeugen dabei den Eindruck eines besonders geeigneten Kinderlebensmittels – obwohl die Nährwerte oft eine andere Sprache sprechen.
Dass der Handel eine nahezu unüberschaubare Vielfalt solcher Produkte hervorbringt, ist wirtschaftlich gut erklärbar. Gerade aus preiswertem Getreide lassen sich durch Mahlen, Extrudieren, Süßen, Aromatisieren, Formen und eine attraktive Verpackung zahlreiche klar unterscheidbare Markenprodukte herstellen: Frühstücksflakes, Schokokissen, Müsliriegel, Kekse, Cracker, Kinderbreie und Snacks. Der Rohstoff bleibt vergleichsweise lächerlich günstig, während durch Verarbeitung, Marke und Vermarktung eine erhebliche Wertsteigerung erzielt wird. Untersuchungen der amerikanischen Frühstückscerealienindustrie bezeichneten diese historisch gesehen sogar als einen der profitabelsten Bereiche der Lebensmittelverarbeitung. Die enorme Auswahl im Supermarkt ist deshalb weniger Ausdruck von Individualität und echter Vielfalt – sie ist vor allem auch das Ergebnis eines lukrativen Geschäftsmodells.
Damit stellt sich eine unbequeme Frage: Wie gut können Kinder Hunger, Sättigung und körperliche Bedürfnisse noch regulieren, wenn sie nicht mehr nur zwischen schlichten Lebensmitteln wählen sollen, sondern ständig von süßen, aromatisierten und gezielt besonders schmackhaft gestalteten Produkten umgeben sind? Nicht umsonst ist im europäischen Raum mittlerweile jedes vierte Kind zwischen sieben und neun Jahren von Übergewicht, einschließlich Adipositas, betroffen. Parallel dazu beobachten Ärzte auch immer früher Erkrankungen, die lange als typische Leiden des Erwachsenenalters galten: Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und eine metabolische Fettleber. Das wirft unweigerlich die Frage auf, welchen Anteil unsere heutige Ernährungsweise an dieser Entwicklung hat.
Clara Davis ließ die Kinder nicht aus der heutigen Supermarktvielfalt wählen. Sie ließ sie ihre Mahlzeiten aus einer sorgfältig begrenzten Auswahl einfacher Lebensmittel zusammenstellen. Davis schrieb selbst, dass die ersten Entscheidungen der Säuglinge noch eher zufällig wirkten. Vorlieben entstanden erst durch wiederholtes Probieren, ihren persönlichen Geschmack und vermutlich auch durch das körperliche Befinden nach dem Essen.
Vielleicht liegt genau darin die aktuellste Erkenntnis ihres fast hundert Jahre alten Experiments: Gesunde, instinktive Selbstregulation braucht mehr als ein paar gesunde Lebensmittel in einem Wust aus Müll. Denn Kinder wissen nicht automatisch, was sie brauchen.
Das Davis-Experiment wirft in meinen Augen noch eine andere Frage auf: Warum führen wir kleine Kinder überhaupt so früh an Süßigkeiten und hochverarbeitete Produkte heran – und feiern den ersten Schokokeks oder das erste Eis beinahe wie einen wunderbaren Entwicklungsschritt? Gerade in den ersten Lebensjahren verlangen Kinder kaum nach Lebensmitteln, die sie noch gar nicht kennen. Nie wieder ist es so einfach, ihre Geschmacksprägung zu schützen und ihnen die vielfältige Welt einfacher, natürlicher und möglichst unverarbeiteter Lebensmittel zu eröffnen.
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@VerschuetteteHeilkunst ⭐️