Garbe hinwegheben ließen, denn Frucht soll Frucht segnen’’! Die Verehrung der letzten Garbe hat sich noch bis 1939 in südtiroler Gegenden (St. Andrä und Labers) erhalten, dort pflegte man sie beim Umbauen des Ackers zur Steigerung der Fruchtbarkeit mit einzupflügen. Diese Manifestation ganzheitlichen Denkens und ökologischen Bewußtseins bezeugt uns auch De Vries, indem er anführt: ,,... die letzte Garbe bleibt auf dem Acker stehen, die letzten Früchte läßt man am Baum hängen, die letzte Wolle zwischen den Ohren wird beim Schaf nicht geschoren usw. Mehrere Gedankengänge spielen in einem solchen Brauch eine Rolle. Man kann sich ja vorstellen, daß auf diese Weise die Kraft zur erneuten Produktion erhalten bleibt, weil sie gleichsam am Acker oder am Baum haften bleibt. Daneben kann aber auch die Scheu eine Rolle spielen, den Ertrag bis zum letzten auszuschöpfen und sich dadurch eine sündige Gier zuschulden kommen zu lassen’’.
Wir kennen mehrere Bezeichnungen für die letzte Garbe, deren sprachliche Vielfalt landschaftlich bedingt ist, aber letztendlich auf eine gemeinsame Wurzel zurückgeführt werden kann. So sind die Bezeichnungen Wode, Gode, Waul, Oswald, Aßwald, der Alte offensichtliche Umschreibungen für Wotan - Odin und wir begreifen ein weiteres Mal die kultische Verehrung, die die letzte Garbe genoß. Bemerkenswert ist der androgyne Charakter, den wir in der weiblichen Form und dem männlichen Namen entdecken und der uns auf die archaische Quelle des Fruchtbarkeitskultes in ähnlicher Weise bezeugt, wie dies der Fund der ,,androgynen Roten von Mauern" getan hat. Die Verehrung der letzten Garbe gilt dem Phänomen der Fruchtbarkeit, dem Geist des Lebens selbst, der sich im Brotgetreide dem Menschen mitteilt und im heiligen Brote selbst zum ,,Schimmelreiter”’ oder anderen Gestalten germanischen Glaubens gebacken wird. Der Getreideschnitt ist somit der Opfertod des Göttlichen, welches seine Auferstehung dann im Brot oder im Erntebier erlebt.
Vielerorts galten die letzten Ähren auch als Nahrung für Sleipnir, Odins Roß. Der Rostocker Pastor Gryse belegt uns dies in seinem ,,Spegel des Antichristlichen Pavestdoms’’ aus dem Jahre 1593: ,,Im Heidendome hebben tor Tydt der Arne (=Ernte) de Meyers dem Affgade Woden umme gudt Korn angeropen; denn wenn de Kornarne geendet, hefft man up den lesten Platz eines Veldes einen kleinen Ordt unde Humpels Korns unafgemayet ston laten ... und hebben ludt gebeden: O Wode! O Wode! Hale dinem Rosse nu Foder, nu Distel unde Dorn tom ander Jaohr bäter Korn.”
Die wichtigsten Elemente eines heidnischen Ernterituals sind neben dem gemeinsamen Flechten des Erntekranzes (an manchen Orten aus den Ähren der letzten Garbe) das Blutopfer eines Hahnes, die Kräuterweihe, die Ehrung der Ahnen und des Brotes, das Trankopfer des Erntebieres und der kultische Tanz.
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