Einstellung neuer Heiden zur Natur
Das Wiederaufgreifen des Heidentums ist in Mittel- und Nordeuropa in den letzten Jahrzehnten eine kleine, aber wachsende religiöse Erscheinung.
Dabei sehen sich die (neuen) Heiden, die meist nicht als neue Heiden bezeichnet werden wollen, in einer Tradition, welche vor der Christianisierung Europas verbreitet war, jedoch sowohl in geschichtlichen Zeugnissen als auch in gelebtem Brauchtum ihren Weg bis in die heutige Zeit gefunden hat.
Heutige Heiden legen diese ĂŒberlieferte Tradition in unterschiedlichsten Interpretations- formen ihren Lebens- und Wertvorstellungen zugrunde und beanspruchen fĂŒr sich eine völlig andere, weil ursprĂŒngliche Ansicht gegenĂŒber der Natur. Dabei wird die einfache und aufgrund der Zeitepoche naturnahe Lebensweise der Ahnen (konkret oder im Geiste) als ideelles Vorbild fĂŒr das heutige Leben gesehen. Es soll keineswegs die technische Entwicklung der Moderne rĂŒckgĂ€ngig gemacht, sondern ein Weg âzurĂŒck zu den Wurzelnâ aufgezeigt werden anhand von Kulturen, die im Alltag in Vergessenheit geraten sind.
Heidentum â Geschichte und Bedeutung des Begriffs
Der Begriff Heidentum bzw. Heide war der Bevölkerung Mitteleuropas vor der Christianisierung fremd. Als Selbstbezeichnung wurden die Namen der jeweiligen StÀmme genutzt, eine Trennung in Religionsgruppen war unbekannt, auch von Seiten der römischen Besatzer.
Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (BĂ€chtold-StĂ€ubli, 1927-1942: 1635) gibt als wahrscheinliche Wortherkunft an, âdaĂ das Wort zu germ. haiĂa »Wildland, Heide« zu stellen ist. Ahd. heidan, ags. haeĂen usw. habe zunĂ€chst »Heideleute, Wildnisbewohner«, dann »Wilde, Barbaren« bedeutetâ.
Weiter heiĂt es dort: âUnter dem EinfluĂ der angelsĂ€chsischen Mission erhielt es dann auch in Deutschland den speziellen Sinn des Nichtchristen. Heide wurde zu einem Sammelwort fĂŒr alle Erscheinungen, die auĂerhalb des Rahmens der Christenheit in rĂ€umlicher und zeitlicher Hinsicht sich befindenâ. Damit fasst dieser exkludierende Begriff ursprĂŒnglich alle atheistischen und andersreligiösen Gruppierungen jenseits der christlichen Kirche zusammen.
Ebenda wird beschrieben, dass der Ausdruck eine Religionsgemeinschaft voraussetzt. Daher ist er nicht grundsĂ€tzlich mit âGottlosigkeitâ gleichzustellen.
Heidentum als Naturreligion
Der Begriff Naturreligion hat Ă€hnlich wie die Definition des Heidentums selbst einen Bedeutungswandel erfahren. Wurden frĂŒher die (primitiven) Stammesreligionen (PrimĂ€rreligionen) als âNaturreligionenâ bezeichnet (Brockhaus Religionen, 2004: 465), so findet der Begriff heute in diesem Sinne kaum mehr Verwendung. Auffarth (2006:368) gibt dazu an: âDie europĂ€ische Begriffsbildung steht zunĂ€chst in der Tradition der Typologie, die Paulus in Röm 2-3 gibt: Naturreligionen, Gesetzesreligionen und Freiheitsreligionen der Christen. Die AnhĂ€nger der Naturreligion erscheinen als pervers, weil sie anstelle des Gottes, der die Dinge geschaffen hat, die geschaffenen Dinge (Natur) anbetenâ. âMit dem Aufstieg der Naturwissenschaften beginnt die positive Wertung der Naturreligion gegenĂŒber der willkĂŒrlichen und kĂŒnstlichen Religion der Offenbarung und der Schriftâ (ebd.).
Als Wegbereiter fĂŒr die Positivwandlung des Begriffs wird die Lebensreform um 1900, sowie die Ăkologiebewegung der 1970er Jahre ebenda angegeben. So bedeutet heute die AnhĂ€ngerschaft zu einer Naturreligion, was die meisten (neuen) Heiden fĂŒr sich als zentral empfinden, die kritische Auseinandersetzung mit der modernen westlichen Gesellschaft und die spirituelle Orientierung an der Natur. So nennt etwa Carr-Gomm (2009: 18) als Grund fĂŒr die Faszination des Druidentums die âLiebe zur Naturâ und das âBedauern darĂŒber, wie diese ausgebeutet und zerstört wirdâ. Im Vordergrund steht also die Suche ânach einer SpiritualitĂ€t, in der die Natur geehrt wird und die mit ihr im Einklang steht, anstatt von ihr abgetrennt zu seinâ (ebd.).
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