Borna-Disease-Virus 1 | BoDV-1
Das Borna-Disease-Virus 1 (BoDV-1), oft „klassisches Bornavirus“ genannt, wurde zuerst in Pferde- und Schafbeständen beschrieben. Der Name geht auf ein Pferdesterben 1885 im sächsischen Borna zurück. Seit 2018 ist klar, dass sich auch Menschen infizieren können – mit einer fast immer tödlichen Meningoenzephalitis (Gehirn- und Hirnhautentzündung).
Taxonomie
• Ordnung: Mononegavirales
• Familie: Bornaviridae
• Gattung: Orthobornavirus
• Art: Mammalian 1 orthobornavirus
• Tierreservoir: Zweifarbig-Weißzahnspitzmaus (Crocidura leucodon)
• Meldepflicht: Direkter Nachweis, § 7 IfSG (seit 03/2020)
• Fälle in DE: 2 – 7 pro Jahr (seit 2020 meldepflichtig: max. 6/Jahr), 57 kumuliert (Stand 06 / 2025)
Vorkommen & Expositionsquellen
• Wo: Endemisch mit Tierausbrüchen in einem schmalen Streifen Mitteleuropas von Bayern/Thüringen über Österreich bis in die Schweiz/Liechtenstein.
❗️Bestätigte menschliche Fälle bislang nur in Deutschland.
• Wie:
🔤 Aerosol: Einstauben kontaminierter Erde/Heu – Virus gelangt über den Nasen‐Rachen-Raum in den Körper
🔤 Direkter Kontakt: Speichel, Urin oder Kot infizierter Spitzmäuse auf Haut, Schleimhäuten oder Wunden
🔤 Zusätzlich: vereinzelt Übertragung durch Organtransplantate
• Übertragungswege:
Tier → Tier ✔️
Tier → Mensch ✔️
Mensch → Mensch ✖️
Erkrankung & Verlauf
🔤 Inkubation: ≈ 3–8 Wochen
🔤 Frühphase: Grippeähnliche Symptome, u.a. Fieber, Myalgien, Kopfschmerz, Hyponatriämie
🔤 Verlauf: Rasche Sprach- und Gangstörungen, Krampfanfälle, Hirnödem → Koma
Immunpathogenese (Schädigung v. Neuronen durch T-Zell-Antwort)
🔤 Letalität: 96–98 %
🔤 Risikogruppen: Land-/ Forst-/ Gartenarbeit in Endemiegebieten, Organempfänger
🔤 Differentialdiagnosen: HSV-1/2-Enzephalitis, Listeria, Autoimmun-Enzephalitis, Rabies, VSBV-1 (Variegated Squirrel Bornavirus 1)
Diagnostik & Therapie
🔤 RT-qPCR aus Hirngewebe ist Goldstandard
🔤 Liquor/Serum-PCR + iIFA ( indirekte Immunfluoreszenz)/Immunoblot erhöhen Trefferquote – Viruslast im Liquor oft sehr niedrig.
🔤 Im MRT zeigen sich symmetrische Läsionen in Hippocampus und Thalamus
🔤 Therapie: Keine etablierte Standardbehandlung vorhanden. Frühgabe von Ribavirin oder Favipiravir führte vereinzelt zum Überleben. Wesentlich sind ICP-Kontrolle (ICP= Hirndruck), antikonvulsive Therapie, evtl. Hochdosis-Steroide oder Plasmapherese.
Schutzmaßnahmen
🦠 Finger weg von toten Mäusen und Mäusepupu!
🦠FFP2-Maske, Schutzbrille & Einmalhandschuhe bei staubigen Stall-/Schuppenarbeiten; Oberflächen vorher befeuchten, damit kein Aerosol entsteht.
🦠Bevor tote Spitzmäuse oder deren Ausscheidungen entfernt werden, diese gründlich mit Desinfektions- oder Reinigungsmittel besprühen, sodass der kontaminierte Staub nicht in Eure Atemluft gelangt.
🦠Nach Kontakt gründlich duschen, Haare waschen und die Kleidung direkt in die Wäsche geben.
🦠Futtermittel dicht verschließen
🦠Gebäudeschlitze gegen Mäuse abdichten.
Forschung
🔤 Deutschland-Paradox: Nur Deutschland meldet Humanfälle.
👉Mögliche Gründe: besseres Screening, dichteres Reservoir, virale Cluster, Umwelt- oder Wirtsfaktoren – offen.
🔤 Borna-ähnliche neuropathologische Beschreibungen existieren bereits seit dem 18. Jh. in Pferdebeständen; menschliche Fälle wurden erst 2018 zweifelsfrei identifiziert und bleiben rar.
🔤 Trotz vieler Erkenntnisse bleiben offene Fragen: Wie infizieren sich Menschen genau, weshalb treten so wenige Fälle auf – und warum gerade in Deutschland?🤔
Fazit
Die Ansteckung ist extrem selten, doch wer in Endemiegebieten mit Staub oder Nagern zu tun hat, schützt sich durch konsequente Schutzmaßnahmen und sollte bei ungeklärter Enzephalitis früh an BoDV-1 denken.
Finger weg von toten Mäusen und Mäusepupu!
Quellen: BfR, RKI, FLI, BNITM, Zoonose, CDC, LGL Bayern 2025, Nature Commun 2024, Emerg Microbes Infect 2022, Lancet Infect Dis 2025
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