Teil 35
Die meisten Menschen glorifizieren eine romantisierte Form der Natur, in der man gerne mal verweilt, um aufzutanken und all dem Beton der Stadt den Rücken zu kehren. Sie genießen den Sonnenschein, die bitterkalten Temperaturen, den Wind und den Regen, weil und solange sie den Witterungen nicht hilflos ausgeliefert sind und sich ihnen jederzeit entziehen können. In dieser Welt wird alles Natürliche durch Kultivierung unterworfen und dann geliebt. Das ist schon recht gestört. Die wirkliche Natur ist wild, ist roh und unberechenbar. Sie interessiert sich nicht für dich, weil sie durch und durch unpersönlich ist. Es macht einen großen Unterschied, ob du zwei Stunden durch eine Wüste spazierst oder ob du in der Wüste lebst und tagtäglich ums Überleben kämpfen musst.
Der frühere Mensch war der Natur unterworfen und hat versucht, ihre Gesetze zu verstehen, hat versucht, das Wirken des Himmels zu berechnen. Er kreierte Himmelsmächte und entwickelte Rituale, um die Götter, die er sich erdacht hatte, zu besänftigen. Es wurde geopfert und getötet, um sich mit den strafenden Herrschern des Himmels gut zu stellen und von ihnen verschont zu werden. Schon hier ging es um Macht und Ohnmacht, um Belohnung und Bestrafung.
Dass sich alles darum dreht, die Natur zu bezwingen, um sich über sie erheben zu können, erkennt man auch heute noch. Viele suchen die Spannung und den "Kick", indem sie extreme Berge oder Eiswände erklimmen, mit dem Fallschirm springen und Bungee-Jumping betreiben. Andere vertiefen sich in die Herausforderung, den eigenen Atem und den Herzschlag bewusst zu verlangsamen. Sie spielen mit dem Leben und dem Tod, um sich selbst zu beweisen, dass sie beiden überlegen sind.
Wenn das Letzte, woran der Mensch glauben würde, nicht mal er selbst wäre, sondern die rohe Naturgewalt, die durch ihn webt und waltet, wie würde die Welt dann aussehen?
Irgendwelche Einwände?
Was denn nun? Liebst oder fürchtest du die wilde Natur aller Dinge?
Die Furcht vor dem Tod ist in der Tiefe die Furcht vor der Vergänglichkeit, ist zugleich die Furcht vor einer ewigen Wiederkehr, die Furcht vor einem geistigen Gefängnis, die Furcht vor dem Transhumanismus und der Auslöschung des menschlichen Daseins.
Die Furcht vor dem Tod entspringt der Angst vor dem Leben und der eigenen Ohnmacht und ist in allerletzter Konsequenz die Furcht vor dem Nichts, weil das Individuum im Nichts einfach verschwindet und keinerlei Macht und Kontrolle mehr ausüben kann.
Hier zu "Leb"zeiten kann nur die psychologische Simulation sterben, um ein weitestgehend freies Werden auf Erden zu entfachen; Dieser Tod ist philosophischer Natur.
Reines Sein ist hier nicht möglich, sondern nur, wenn auch die Biologie geht, um wieder zu Potential zu werden. In der Akzeptanz des Lebens als das, was es ist wie auch der kontinuierlichen tieferen Schau des Todes, bauen sich die Ängste davor ab, verschwinden jedoch nie gänzlich.
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