Kapitel 0
Teil 1
Irgendjemand fragte neulich, ob Spiritismus ohne Religion existieren könne und ob denn die Becher nun halb voll oder halb leer seien. Was für eine Frage...
Kann Wasser ohne Becher existieren? Sind Religionen und Spiritismus möglicherweise nichts weiter als schöne, lichtvolle und hoffnungsgebende Systeme, die ehrliches und kritisches Denken in die absolute Dunkelheit verbannen?
Kannst du ohne systemische Programme existieren oder bist du das Programm?
Eine ideologisch geprägte Denkweise ist ein zu flaches Gewässer für den Tiefgang der Weisheit. Wo der Grund im Verborgenen liegt, konfabuliert die Fantasie Abgründe, um die eigene Unwissenheit in das Gewand einer über alles erhabenen Gewissheit kleiden zu können.
Sobald du an etwas oder an jemanden glaubst, tritt deine Intelligenz in den Hintergrund. Der Glaube gibt eine absolute Wahrheit vor, die nicht hinterfragt werden darf, weil das mentale Gebilde ansonsten ins Wanken geraten würde. Das mag ein Grund sein, weshalb Menschen desselben Glaubens sich gerne versammeln. Im Schwarm erfährt das Individuum einen "höheren Sinn", der über die Strapazen des Daseins hinwegtröstet und das irdene Chaos etwas geordneter erscheinen lässt. Fühlst du dich angesprochen? Noch nicht wirklich? Dann lies bitte weiter...
Manchmal bist du von vielen Menschen umgeben und doch einsam. Manchmal verlässt du Interaktionen und Menschen gar nicht so sehr aus Antipathie, sondern weil etwas in dir flüstert, dass das hier nicht echt ist, dass da etwas Tieferes, etwas Wahrhaftigeres existiert als diese leeren Blicke, diese geprobten Gesten, diese aufgesetzten Lächeln, diese wiederhallenden Formeln, diese grunglegend schier unendlichen Masken der Konditionierung, diese Schadenfrohnatur, diese gegenseitige Überwachung und dieses ständige Spiegeln und Rufen nach Aufmerksamkeit. Immer dann, wenn du aus diesem Spiegelkabinett austreten wolltest, weil du des tieferen Denkens, des gestochen klaren Sehens befähigt bist, warst du sofort verdächtig und wurdest mit leicht abfälliger oder mitleidvoller Miene in die "stille Ecke" verbannt.
Wenn das in dir nachhallt, gehörst du vielleicht vorerst zu einer kleinen, einer seltenen, unbequemen Gruppe. Und? Glüht das Mensch'k'lein jetzt? Die leuchtenden Banner in Kreisen gewisser Spiritisten mit der Aufschrift " Du bist etwas ganz Besonderes" kennen wir ja. Langweilen wir uns dessen, verweilen wir überhaupt darin oder verspürten wir nie Langeweile?
Nein, du bist nichts Besonderes! Diese Illusion werde ich dir vielleicht nehmen, vermutlich jedoch nicht. Das ist auch nicht von wesentlicher Bedeutung, weil ich sie mir selbst nahm!
Bist du mutig genug, weiterzulesen?
Vielleicht bist du jemand, der zu viel denkt und sich deshalb zurückzieht. Vielleicht tust du das nicht aus Arroganz, nicht aus Schüchternheit, sondern aus Klarsicht. Es ist das Gefühl, in einem Theater zu sitzen, in dem jeder eine Rolle spielt. Das Meiden eines grossen sozialen Lebens ist nichts, das es zu tolerieren gilt. Diese Abkehr ist die logische Konsequenz höherer Intelligenz!
Es geht nicht darum, Menschenhass zu entwickeln, denn der kommt vorerst von ganz allein. Die Kunst liegt darin, den Menschen als Individuum, wie auch in der Masse mit brutalster Ehrlichkeit so zu sehen, wie er ist und nicht mehr so, wie man ihn gerne als eben dieses Individuum und eben in dieser Masse gern sehen möchte!
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