🔵🪶 Haben und Sein –
Vom Besitz-losigkeit über Besitz‑freiheit zum tieferen Sein.
Zu dieser Thematik gibt es ein Intro, das ich vor wenigen Tagen mit derselben Überschrift veröffentlicht habe.
📝 Kapitel 1 (Teil 1 von 3) — Besitzanspruch – die Mutter aller Streitigkeiten.
Der Anspruch und der Ursprung des Schattens
💭 Es beginnt bereits mit etwas unscheinbaren im Kleinen.
Etwas, das jeder Mensch kennt, aber kaum jemand bewusst betrachtet: ein Stück Erde, ein Apfelbaum, ein Zaun aus Dornengestrüpp oder Holz.
Ein stiller Moment, in dem ein Mensch innehält, auf ein lebendiges Wesen zeigt und sagt:
„Dies gehört mir — dies ist mein Besitz.“
Noch bevor der Satz zu Ende gesprochen ist, entsteht etwas Unsichtbares.
Ein feiner Schleier legt sich zwischen den Menschen und das Lebendige.
Man bemerkt ihn erst, wenn er bereits wirkt.
Denn Besitz beginnt nicht mit dem Gegenstand.
Er beginnt mit dem Gedanken, der ihn markiert.
Mit der Empfindung: Das ist meins.
Der Zaun ist nur eine gezogene Linie.
Der Apfelbaum ist reines, lebendiges Geschehen.
Doch der Gedanke ist Anspruch.
Und dieser Anspruch ist der erste Schatten, den das Haben über unser Sein wirft.
🪶 Habe oft beobachtet — auch in meinem eigenen Leben —, wie Menschen an einem Zaun stehen und sagen: „Hier beginnt meins. Das besitze ich.“
Doch der Zaun beginnt nicht dort, wo das Holz in der Erde steckt.
Er beginnt dort, wo der Mensch sich selbst im Geiste trennt.
Wo er aus dem gemeinsamen Raum heraustritt und eine Grenze zieht, die andere ausgrenzt.
Wenn wir zurückblicken auf den Ursprung des Menschen, war diese Grenze einst unvorstellbar.
Der natürliche Mensch war ein Wanderer unter dem weiten Himmel.
Er konnte nichts anhäufen, denn jedes Zuviel an Haben war Ballast, der seine Beweglichkeit und sein Überleben bedrohte.
Und so ward diese Erde ein offener Raum, den man teilte, so wie man die Luft teilt, die man atmet.
Erst mit der Sesshaftigkeit kroch die Unruhe in die Welt.
Mit dem festen Ort kam das Haben-Wollen über das Maß dessen hinaus, was man zum Leben braucht.
Plötzlich reichte das Ausreichende nicht mehr.
Selbst heute sehen wir diese Bewegung: Ein Mensch, der sich entscheidet, in einem Wohnmobil zu leben, sucht im Kern die Freiheit des Unterwegsseins.
Er bricht aus dem sesshaften Muster aus, weil er spürt, dass Besitz ihn fesselt.
Auf der Straße lernt man schnell, dass Ballast die Bewegung lähmt.
Ein mobiler Mensch verfällt nicht darin, ein Magazin nach dem anderen anzumieten.
Doch der Geist des Habens schleicht sich subtiler ein: Der Wunsch nach Komfort wächst, das Fahrzeug soll größer werden.
Und mit dem größeren Wagen verliert er unbemerkt genau das, was er gesucht hat – die Leichtigkeit, die Wendigkeit, den Zugang zu den engen, unberührten Wegen des Lebens.
Das größere Gefährt wird zum unbeweglichen Haus auf Rädern.
Der sesshafte Geist will horten; der mobile Geist wird durch das Unterwegssein immer wieder gezwungen, auf das Wesentliche zurückzublicken und leer zu werden.
🐲 Hier wird es heikel — und hier darf nichts moralisch verkürzt werden.
Es gibt Beweggründe für das Haben, die verständlich sind.
Manchmal spricht die Angst: Die Zukunft soll gesichert sein.
Man will heute schon besitzen, was morgen fehlen könnte, und verlässt dabei das Jetzt.
Das Bedürfnis des Leibes nach Nahrung und Schutz ist endlich.
Die Angst des Egos kennt keine Grenze.
Manchmal spricht die Vergangenheit: Man hat den Samen gelegt, den Baum bewässert, ihn jahrelang gepflegt.
Aus dieser Mühe wächst leicht der Anspruch.
Ein Kleid, das ich selbst genäht habe, trägt meine Form und meine Arbeit.
Das ist eine andere Beziehung als die zu einem Baum oder einem Stück Erde, die ich einzäune und zu meinem Eigentum erkläre.
Nochmals anders verhält es sich mit dem Gekauften:
Ich habe etwas gegeben und leite daraus ein absolutes „Meins“ ab.
Doch dieses Recht ist immer nur eine praktische Regelung, keine innere Wahrheit.
Vidrohi 🙏🏼💚🧘🌞
Hier endet Teil 1 von 3.
Morgen folgt Teil 2: Die Unstimmigkeit, der Streit und die Mutter aller Kriege.
Post #1995
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