"Moskau will an die Nazi-Verbrechen statt an den Gulag erinnern
An der Stelle des staatlichen Gulag-Museums entsteht ein Museum, das an den «Genozid am sowjetischen Volk» durch die Nazis erinnern soll. Der Vorgang ist beispielhaft für die neue Geschichtspolitik, aber stösst auch von unerwarteter Seite auf Kritik.
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Die neue Ausstellung werde alle Etappen der Kriegsverbrechen der Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs darstellen, heisst es in der Mitteilung des Moskauer Bürgermeisteramts. Die Besucher würden über die Ausprägungen des Nazismus informiert, erführen von den japanischen Versuchen mit biologischen Waffen an sowjetischen Zivilisten, der Befreiungsmission der Roten Armee und den Prozessen gegen Nazi-Verbrecher. Die neue Direktorin des Museums, Natalja Kalaschnikowa, leitet derzeit das Museum «Festung Smolensk». Sie nehme aktiv an der «militärischen Spezialoperation» teil, steht in ihrer Vorstellung.
Einzigartiges Museum in Russland
Am Rand des Moskauer Stadtzentrums, in einem Backsteinbau aus dem 19. Jahrhundert, war 2014 das ursprünglich als Privatinitiative eines einstigen Häftlings des sowjetischen Lagersystems (Gulag) gegründete «Museum der Geschichte des Gulag» in grosszügigem Rahmen neu eröffnet worden. Es zeigte an ausgewählten Schicksalen und anhand von Originalgegenständen, Fotos, Tonband- und Videoaufnahmen die Schrecken des stalinistischen Terrors und der Lagerwelt. So eindeutig deren Darstellung war, so sehr hielten sich die Museumsmacher bei der Benennung der Verantwortlichen zurück.
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Als das Museum am 14. November 2024 unvermittelt wegen angeblicher Mängel beim Brandschutz geschlossen wurde, wirkte dies, als sei den Behörden der Geduldsfaden gerissen. Nun wird es aufgelöst, und die einzigartigen Exponate wandern ins Magazin.
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Den Begriff des «Genozids am sowjetischen Volk» verwendete Putin erstmals 2020 in einer Rede. Die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten ist tief verankert im Bewusstsein der postsowjetischen Völker. Von einem «Genozid» hatte aber niemand gesprochen. Mittlerweile gibt es einen Gedenktag dazu, den 19. April. In der Staatsduma, dem Unterhaus des russischen Parlaments, ist ein Gesetz hängig, das die Verleumdung des historischen Gedenkens an die Opfer des «Genozids am sowjetischen Volk» und seine Leugnung strafrechtlich verfolgt – mit Höchststrafen von drei bis fünf Jahren Straflager.
Regimekritischen Juristen fehlt die rechtlich eindeutige Definition, was unter diesen Verstössen genau zu verstehen wäre. Der Straftatbestand der Leugnung eines nicht wirklich definierten «Genozids» öffnet Tür und Tor für Willkür, wenn es um Abweichungen vom offiziellen russischen Diskurs über die Geschichte des Zweiten Weltkriegs geht.
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Die «Verewigung des Gedenkens an die Opfer des Genozids am sowjetischen Volk zur Zeit des Zweiten Weltkriegs» sei eines der zentralen Elemente der patriotischen Erziehung, schreibt die Stadtregierung zur Museums-Neueröffnung. Der sowjetische Sieg über Nazi-Deutschland ist unter Putins Herrschaft immer stärker zum Identitätsmerkmal der russischen Gesellschaft stilisiert worden. Der Ukraine-Krieg wird als Kampf gegen das angebliche Wiederaufleben des Nazismus ideologisch verbrämt.
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Für den Paläontologen und Philosophen Alexander Chramow ist der Umstand, dass die Verbrechen vom Staat gegenüber seinen eigenen Bürgern verübt wurden, noch schrecklicher, als wenn sie der auswärtige Feind verübt hätte."
Quelle: NZZ, 25.02.2026 (hinter Bezahlschranke)
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