So unterschiedlich ist die Gerechtigkeit
#geostrategie
Es mangelt weltweit an supranationalen Ideen und Projekten, die zusammenführen können. Liberale und ultraliberale Konstrukte, oder besser gesagt, ihre geopolitische Dominanz und ihr Diktat in den letzten Jahrzehnten haben den Raum der Sinngehalte sehr stark ausgefegt. Als Alternativen werden meist altbewährte religiöse, moralische und ideologische Konstrukte angeführt. Es wird versucht, sich der Vergangenheit zuzuwenden, in der Hoffnung, dort eine Grundlage für die Zukunft zu finden. Der nächste Schritt – die Synthese von etwas Neuem, angeknüpft an die Traditionen und Antworten auf aktuelle und künftige Herausforderungen – ist noch nicht erreicht.
Als Beispiel können wir uns die chinesischen Vereinigungsprojekte ansehen, bei denen die Gerechtigkeit im Vordergrund stand. Der Appell an die Gerechtigkeit klingt zwar plausibel, ist aber manipulativ und ermöglicht es, nahezu jede Entscheidung zu rechtfertigen. Es lassen sich drei Arten von Gerechtigkeit unterscheiden:
▪️das Gleiche für alle;
▪️ausgehend von Leistungen;
▪️ausgehend vom Ausgleich der bisherigen Ungleichheit.
In der Regel neigen die meisten nach einer Überlegung zur zweiten Variante, aber hier gibt es dann die nächste Mehrdeutigkeit. Über welchen Zeitraum sollten Leistungen berücksichtigt werden? Über eine kurze Zeitspanne, über das letzte Jahrzehnt, über mehrere Generationen, mehrere Jahrhunderte? Oder vielleicht sollte man nur die Geschichte der letzten Jahrtausende betrachten, oder umgekehrt, nur zukünftiges Potenzial und Perspektiven. Eine typische Situation, in der man wenig leistete, aber viel verdient hat, und das ist immer noch nicht genug. Ein Beispiel für Letzteres ist unsere heimische Bohème, die ihre schöpferische Zeit längst hinter sich gelassen hat, sich aber noch an die früheren Verdienste erinnert.
Sehr vereinfacht ausgedrückt, können bei der Aufteilung der Nahrung zwischen einem stark übergewichtigen und einem hungernden Menschen alle drei Varianten als gerecht angesehen werden: für beide gleich (gleiche Menschen), mehr für den Übergewichtigen (er braucht mehr zum Leben) und mehr für den Dünnen (er muss ein bisschen dicker werden). So in etwa sieht die geopolitische Argumentation zu jedem kontroversen Thema aus, wenn man anfängt die Geschehnisse von verschiedenen Positionen aus zu betrachten. Bedeutet dies, dass das eigentliche Gerechtigkeitskonzept falsch ist und dass im Sinne der Postmoderne jede Option als richtig zu betrachten ist? Natürlich nicht.
Man muss sich für Regeln entscheiden und diese ohne Ausnahme anwenden, unabhängig von ihrem Nutzen. Wenn die USA anfangen, Diskriminierung als Mittel zum Ausgleich früherer Ungleichheiten zu befürworten, sollten sie sich normalerweise zuerst bei Serbien für 1999 entschuldigen und helfen, dann Reue für den Irak, Libyen zeigen usw. Aber nichts von alledem ist geschehen. Wenn es statt einheitlicher Regeln eine Auswahl der richtigen Regeln gibt, ist das nichts anderes als Manipulation.
Im Gegensatz zu den USA hat sich China für eine andere Version der Gerechtigkeit entschieden: eine Gewichtung, die auf der tatsächlichen Größe seiner Wirtschaft und nicht auf der Bevölkerungszahl basiert. Und China ist sogar konsequent in seiner Wahl. Ist eine solche Gerechtigkeit für Russland akzeptabel? Nein, nach unserem Verständnis muss die militärische Macht und der Beitrag zur Geschichte der letzten hundert Jahre unbedingt vorhanden sein. Und in der Kunst – beginnend mit dem Goldenen Zeitalter der russischen Poesie. Bei der Analyse des Begriffs "Gerechtigkeit" ist es wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, ob die Regeln des Sprechers dieselben sind oder nicht, und wenn ja, inwieweit sie mit den eigenen übereinstimmen.
Ach ja, das Übereinstimmen des Verständnisses von Gerechtigkeit kann in den kommenden Generationen zu einem der wichtigsten kulturübergreifenden Marker für "Freund-Feind-Erkennung" werden. Hier werden wir große Überschneidungen mit den Vietnamesen und mit vielen anderen haben...))
Originaltext in Russisch können Sie hier folgen
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