5 Rituale für Lughnasadh.
Bis vor hundert Jahren ließen die Bauern im Norden beim Abernten einen Büschel Korn stehen. Ungeschnitten, mitten im leeren Feld. Fragte man sie, warum, sagten sie: Das ist für das Pferd.
Hier gehts zur Folge
Sie meinten Odins Pferd.
Der 1. August ist das Schnitterfest. Die Kelten nannten ihn Lugnasad, die Angelsachsen Lammas, die Brotmesse. Es ist die erste von drei Ernten, und der Wendepunkt des Sommers. Ab hier wird eingeholt, was ausgesät wurde.
DIE, DIE IM KORNFELD WOHNT
An einem Julitag ritt eine Bauerntochter über die Felder. Das Korn stand golden, am Rand blühten die Kornblumen blau. Sie ritt vom Weg ab, mitten hinein in das Feld.
Sie kam nie wieder heraus.
Sie wurde die Mutter des Kornes. Die Roggenmuhme. Die Kornmutter. Je nach Landstrich hat sie einen anderen Namen, aber überall dieselbe Aufgabe: Sie ist die Herrin des Feldes. Sie lässt das Korn wachsen. Und sie verlangt nur eines dafür, dass man ihr etwas übrig lässt.
Darum blieb die letzte Garbe stehen. Nicht aus Vergesslichkeit, sondern aus Anstand. Denn wer alles nimmt, nimmt ihr das Haus. Und ein obdachloser Geist ist ein zorniger Geist.
Als die Christianisierung kam, hat man sie nicht gestrichen. Man hat sie umgeschrieben. Aus der Frau auf dem weißen Ross wurde eine Fratze mit Brüsten aus Eisen, mit der man Kindern Angst machte, damit sie nicht ins Feld liefen.
Da war einmal eine Göttin. Übrig geblieben ist ein Kinderschreck.
Das ist keine Entwicklung. Das ist eine Enteignung.
DAS DANKGEBET
Ich stehe am Wendepunkt des Sommers.
Ich habe genommen, was ich nicht gemacht habe.
Ich habe gegessen von Feldern, die ich nicht gepflügt habe.
Ich habe gelebt von der Kraft der Sonne, vom Regen und von der Geduld der Erde.
Dafür danke ich.
Ich danke dem Korn, das gefallen ist, damit ich stehen kann.
Ich danke der, die im Feld wohnt, und ich nehme nicht alles.
Ich danke denen vor mir, die dieselbe Arbeit taten, an denselben Tagen, unter demselben Himmel.
Ich lege den ersten Anteil nieder.
Er gehört nicht mir.
Und was in mir reif ist, gebe ich dem Schnitt.
Ich halte es nicht fest.
Ich lasse es fallen, wie das Korn fällt.
Nimm es. Es hatte seine Zeit.
So sei es gesprochen.
🐺 RICHARD — RUF DES WOLFES
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