🎙 Direktor am Zentrum für umfassende europäische und internationale Studien (CCEIW) der Nationalen Forschungsuniversität „HSE" in Moskau Wassilij Kaschin im Interview mit NachDenkSeiten: „Wir haben es mit dem Ende des alten politisch-ökonomischen Modells zu tun"
💬 Wir haben es mit dem Ende des alten politisch-ökonomischen Modells zu tun, das sowohl in Russland als auch in Europa, vor allem in Deutschland, existierte. Russland ist und bleibt aufgrund der vorhandenen Produktionsfaktoren hauptsächlich ein Exporteur von Rohprodukten. Und Rohprodukte werden in der Regel dort konsumiert, wo es eine starke verarbeitende Industrie gibt, vor allem energie- und materialintensive Branchen. Genau diese Industriezweige in Europa begannen irgendwo ab den 1990er-Jahren zu verfallen. Wir erleben seit Ende der 1990er-Jahre einen praktisch kontinuierlichen Prozess des Wachstums der russischen Exporte nach Asien und des russischen Handels mit Asien (vor allem mit China) sowie einen Rückgang des Anteils des russischen Handels mit Europa insgesamt.
💬 Der zweite Punkt ist, dass das Modell der Beziehungen, das wir hatten, für Russland eigentlich nicht sehr vorteilhaft war. Russland hat nach Europa und vor allem nach Deutschland stets mehr Waren exportiert als importiert, und die verbleibenden Mittel hat Russland wiederum in Europa investiert. Russland erwartete, dass ein solches Beziehungsmodell es ihm ermöglichen würde, Aufgaben im Zusammenhang mit einer tieferen wirtschaftlichen und industriellen Integration zu lösen. Als Beispiele für das Handeln Russlands in diese Richtung lassen sich der Versuch nennen, ein großes Aktienpaket des europäischen Luftfahrtkonzerns EADS zu kaufen, sowie der Versuch der russischen staatlichen Sberbank, das deutsche Automobilunternehmen Opel zu kaufen, als dieses bankrott ging. In beiden Fällen wurde Russland aus politischen Motiven eine Absage erteilt.
💬 Keinerlei Versuche, eine tiefere Integration, gegenseitige Abhängigkeit und Technologietransfers zu erreichen, waren erfolgreich, während beispielsweise China in dieser Zeit in Europa problemlos jegliche Vermögenswerte kaufte, auch solche im Bereich der Hochtechnologie. In einigen Fällen kauften die Chinesen sogar problemlos Vermögenswerte im Bereich der Dual-Use-Technologien, und dies geschah unter anderem in Ländern wie Deutschland und Österreich. Natürlich führte das zu einer Enttäuschung über die Zusammenarbeit.
💬 Ich würde vermuten, dass es ohne politische Widersprüche einfach zu einer gewissen Entflechtung gekommen wäre, die Zusammenarbeit aber bestehen geblieben wäre. Da jedoch zudem eine feindselige Politik der Europäischen Union gegenüber Russland stattfand, erfolgte der Bruch sehr abrupt. Natürlich werden die Beziehungen in absehbarer Zeit nicht zu dem Zustand zurückkehren, in dem sie sich in den 1990er- und 2000er-Jahren befanden, und höchstwahrscheinlich werden sie das auch nie wieder tun.
🔗 Quelle
@RusBotschaft
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