🇦🇹 „Dann begann natürlich das große Abenteuer“
Fahrt nahm Erni Mangolds Karriere dann während der Besatzungszeit auf. Während sich andere aufs Land zurückzogen, landete sie schon 1946 als 19-Jährige am Theater in der Josefstadt, wo sie fast 10 Jahre bleiben sollte. Die Sowjets legten großen Wert auf einen raschen Neustart der Kultur & die Josefstadt war eine jener 4 Bühnen, die nach Kriegsende den Betrieb wiederaufnehmen konnten.
In diesen Jahren begann für Mangold auch die Freiheit: „Zwischen 18 & 19 hat man nur abenteuerlich gelebt.“ Sie reiste, zog mit Freunden durch das zerbombte Wien, hat ihre „Pubertät nachgelebt. Weil zwischen 12 & 18 war ja null.“ „Irgendwann“ lernte sie dann Qualtinger kennen. Dann „begann natürlich überhaupt das große Abenteuer“.
⛲ Ein Sprung in den Brunnen
Qualtinger „war ziemlich radikal. Wir haben Nazi-Villen besetzt – das nannten wir so, wenn wir in der Nacht eingebrochen sind & uns mit dem Alkohol, der dort war, vollgeschüttet haben, zum Fressen gab’s ja nix. Im Keller waren wahnsinnig schöne Stoffe. Es gab natürlich auch Schleichhandel. Weil sie reich & Nazis waren, haben sie sich das beschaffen können.“ Qualtinger „war das nicht recht, ich hab’s trotzdem mitgenommen“.
„Man ist durch Wien gezogen, man hat sich nackt ausgezogen & ist – da gab’s zum ersten Mal schon ein bisserl Wasser – nackt in den Brunnen gesprungen. Das war einem völlig wurscht. Der Qualtinger hat immer gesagt: ‚Waßt eh, die Russen fürchten sich vor uns.‘ Ich hab gesagt: ‚Glaub a.‘ Wir haben grauenhaft ausgeschaut.“ Gelebt habe sie von „5 oder 6 Grahamweckerln & etwa 6-7 Wassereis am Tag“. Dazu: „Einen ½, ¾ Liter grauenhaften Wein – ich hab immer gekotzt am nächsten Tag. Das war unsere Nahrung. Natürlich war ich sehr oft betrunken & es ging mir ganz schlecht.“
Es ging nicht nur darum, sich die Hörner abzustoßen. Die „kulturhungrige“ Clique habe auf gesellschaftlichen Wandel & politische Veränderung gehofft. „Es interessierte uns, dass wir jetzt dran sind, dass wir frei sind & endlich machen können, was wir wollen. Dass wir die nächste Generation sind. Das hat alles nicht gestimmt, weil 2-3 Jahre später waren die alten Nazi wieder da. Du warst nicht gefragt als junger Mensch. Du musstest dich hinten anstellen & das war eine ziemliche Enttäuschung.“
„Ein altes Nazi-Haus“
Zur Ernüchterung trug auch Mangolds Engagement am Theater in der Josefstadt bei: „Als ich das bekommen hab, hat der Qualtinger damals zu mir gesagt: ‚Um Gottes willen, du kannst doch nicht in die Josefstadt gehen!‘ Ich hab das damals nicht verstanden. Er hat nicht mehr gesagt. Nachher hab ich gewusst, warum, weil das ein altes Nazi-Haus war. Das war mir dann auch wurscht, weil ich wollte ein bisschen ein Geld haben & mir ein bisschen was leisten & das hab ich dann halt gehabt.“
Qualtinger habe gewusst, dass „da viele böse Sachen passiert sind“, „Dass das Theater ‚befreit werden musste‘ von den Juden.“ Zu sprechen kommt Mangold dabei auf Ensemblemitglied Erik Frey, der „ein schrecklicher Denunziant“ gewesen sei. Frey war seit 1934 bei der NSDAP & wirkte auch beim „Umbau“ des Theaters mit. Während einer Vorstellung im April 1938 holte er den jüdischen Theaterdirektor Rudolf Beer aus der Loge. Beer wurde von NS-Schlägern misshandelt, wenig später tötete er sich selbst. Frey leugnete stets, von den NS-Gräueln Bescheid gewusst zu haben. Er blieb bis 1988 an der Josefstadt, Mangold spielte mehrfach mit ihm gemeinsam.
Viel blieb nach dem Krieg hinter den Bühnen konstant, auf den Bühnen änderte sich doch einiges: „Es kamen neue Stücke, die man vorher nicht spielte. Stücke, die märchenhafter waren. Anders als in der Hitler-Zeit, wo es nur Klassiker gab.“ Diese seien sehr, sehr gut angekommen. „Teils hatten die Wiener kulturell Schwierigkeiten, war halt jedoch was Neues.“ Zusätzlich kamen in die USA emigrierte Schauspieler zumindest zeitweise zurück & brachten frischen Wind mit.
🇦🇹 1. Jung & wild im zerbombten Wien
📌 Quelle: ORF
📚 Lesetipp: Lassen Sie mich in Ruhe
Erni Mangold, 26. Januar 1927 - 5. September 2026
🕯 Ein Jahrhundertleben ging zu Ende.
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