🔵🪶 Haben und Sein –
Vom Besitz-losigkeit über Besitz‑freiheit zum tieferen Sein.
Schenken Sie bitte dem Intro und den drei Teilen von Kapitel 1 (Der Zaun und der Apfelbaum) Ihre Beachtung.
Wer die Bewegung von Anfang an mitgehen möchte, findet dort den Boden, auf dem dieses Kapitel steht.
Wir führen unsere Erkundungsreise nun fort, indem wir den Blick radikal nach innen wenden.
📝 Kapitel 2 — Das unschuldige Bedürfnis, der spirituelle Humbug und die Masken der Selbstdefinition
💭 Wenn wir den Weg nach innen antreten, um das Gefängnis des Habens zu durchleuchten, stoßen wir sehr schnell auf eine Grenze, an der Spiritualität nicht selten ihre eigene Lebendigkeit verliert und zur Ideologie wird. Daraus entsteht ein Irrglaube, den ich ohne Umschweife als spirituellen Humbug bezeichnen möchte.
Es ist die Vorstellung, ein bewusster oder gar erleuchteter Mensch müsse vollkommen bedürfnislos werden. Als dürfe man keine Gefühle mehr haben, keinen Schmerz empfinden, keine Nahrung benötigen oder als müsse man im tiefsten, dunklen Loch oder im heißen Feuer unberührt überleben.
Das ist eine gefährliche Illusion des Verstandes. Sie verwechselt die biologische, nackte Realität der Existenz mit dem psychologischen Wahn des Egos. Denn das Sein an sich hat einen ganz natürlichen, unschuldigen Wunsch aus sich selbst heraus: Es will am Leben bleiben.
👶🏼 Beobachtet ein neugeborenes Kind, ein kleines Baby an der Brust seiner Mutter.
Wenn das Baby nach der Mutterbrust verlangt, weil es hungrig ist, geschieht das aus einer reinen, unschuldigen Notwendigkeit. Ohne diese Nahrung würde das kleine Leben verhungern. Doch in diesem Verlangen existiert noch kein Funken von Besitzanspruch. Das Baby ist in diesem Moment noch vollkommen frei von einem Ego. Es hat keine Eigentumsrechte im Kopf. Es sagt nicht: „Diese Brust gehört mir, ich habe ein Recht auf sie.“ Es nimmt, was das Leben ihm bietet, um zu sein.
Das Bedürfnis des Leibes nach Nahrung, Wärme, Schutz und emotionaler Nähe ist eine heilige Naturkraft des Seins. Schmerz, Hunger oder die Trauer des Herzens sind echt und unschuldig. Sie zu leugnen, bedeutet, das Leben selbst zu leugnen.
⚔️ Hier muss die Wachsamkeit scharf bleiben.
Der Besitzanspruch entsteht erst viel später. Er kommt in dem Moment, in dem das Ego erwacht und das unschuldige Bedürfnis für seine eigenen Zwecke kapert.
Das Ego nimmt die Notwendigkeit von Nahrung und macht daraus die Gier, Vorräte anzuhäufen, während andere hungern.
Es nimmt das Bedürfnis nach Nähe und macht daraus den erstickenden Pakt: „Du bist mein Besitz. Du musst für immer bei mir bleiben, um meine Leere zu füllen. “Aus dem unschuldigen Fluss des Seins wird ein starrer Anspruch des Habens.
🪶 Ich spreche hier nicht als ein Theoretiker, der eine fertige Philosophie von der Kanzel predigt.
Alles, was ich niederschreibe, entspringt Momenten, die ich selbst durchlebt habe.
Habe die Freiheit des Seins in der Liebe geschmeckt — ohne Vermissen, ohne Festhalten. Und ich habe den Schmerz erfahren, als die Zäune des Lebens von außen eingerissen wurden. In meinem Inneren wandelt sich dieses Erleben ständig.
Dies ist bis zum heutigen Tage eine tägliche Herausforderung. Denn auch mein Ego schläft nicht. Es versucht unablässig, selbst aus allen Gefühlen ein Eigentum zu machen.
Schon in der Sprache definieren wir innere Zustände über den Besitz. Wir machen aus einer flüchtigen Bewegung einen festen Gegenstand. Wir sagen so leicht: „Ich habe Freude“ oder „Ich habe Angst.“
Noch subtiler wird es, wenn wir dasselbe mit uns selbst tun:
„Ich habe dieses Talent.“
„Ich bin dieser Beruf.“
„Ich habe diesen Namen oder diese Historie.“
Doch das Erwachen im Sein beginnt dort, wo der Geist im Inneren genauso leer werden darf wie der Wanderer auf der Straße — frei von dem, womit er sich bisher definiert hat.
Vidrohi 🧘🏼♀️💚🧘🌞
Hier endet Teil 1 von 3. Morgen folgt Teil 2: Die Gewänder der Biografie — Name, Beruf und das Eigentum an den Talenten.
Post #1998
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