Werden unsere Kinder dümmer?Wenn über sinkende Leistungen von Jugendlichen diskutiert wird, geht es meistens um Schulen, Lehrpläne, Digitalisierung, Symptombekämpfung…
Doch diese Diskussion greift viel zu kurz.
Denn bevor ein Jugendlicher mit 15 Jahren bei PISA sitzt, liegen 15 Jahre Entwicklung hinter ihm.
Ja, Migration spielt eine erhebliche Rolle. In Deutschland und anderen europäischen Ländern schneiden Jugendliche mit Migrationshintergrund bei PISA teilweise deutlich schlechter ab. Und wenn in Klassen viele Kinder dem Unterricht sprachlich oder fachlich nicht folgen können, bindet das Aufmerksamkeit, Zeit und Ressourcen – und verändert die Lernbedingungen für alle.
Migration gehört deshalb klar ganz oben auf die Liste.
Aber wer dort mit der Ursachenforschung aufhört, macht es sich zu einfach.
Denn auch die Kindheit selbst hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte radikal verändert.
Weniger Bewegung. Weniger Natur. Weniger freies Spiel. Weniger Ruhe. Weniger Lesen.
Dafür mehr Bildschirm, mehr Smartphone, mehr Dauerstimulation.
Auch die geistige Nahrung hat sich verändert. Wo Kinder früher anspruchsvolle Geschichten lasen, sich etwas vorstellen, Zusammenhänge selbst erschließen und Langeweile aushalten mussten, wartet heute oft der nächste Reiz nach wenigen Sekunden. Dazu kommen Kinderserien und digitale Inhalte, die auf permanente Reize, schnelle Schnitte und möglichst dauerhafte Aufmerksamkeit setzen.
Das Gehirn entwickelt sich nicht unabhängig davon, wie wir es benutzen.
Hinzu kommt immer frühere Fremdbetreuung. Immer mehr Lebenszeit verbringen Kinder schon in sehr jungen Jahren außerhalb der Familie. Überfüllte Gruppen, Personalmangel und fehlende individuelle Zuwendung verschärfen das Problem.
Kinder brauchen für ihre Entwicklung mehr als Betreuung: Beziehung. Ansprache. Aufmerksamkeit. Zeit.
Und auch der Körper gehört zum Denken.
Bewegungsmangel. Schlafmangel. Ernährung. Nährstoffmangel. Umweltbelastungen und Umweltgifte. Pharmazeutika.
Das sind keine Nebensächlichkeiten. Sie betreffen die grundlegenden Bedingungen, unter denen sich der Körper – und damit auch das Gehirn – eines Kindes entwickelt. Was einem kindlichen Organismus fehlt, was ihn belastet und welchen Einflüssen er ausgesetzt ist, bleibt nicht ohne Folgen für seine Entwicklung.
Leistungstests messen am Ende nur das Ergebnis.
Doch diesem Ergebnis geht eine ganze Kindheit voraus.
Und genau deshalb geht es hier um viel mehr als schlechte „Leistung“.
Wer nicht mehr sinnerfassend lesen kann, komplexe Zusammenhänge nicht versteht, Zahlen nicht einordnen und Argumente nicht gegeneinander abwägen kann, kann sich immer schwerer ein eigenes Urteil bilden.
Das ist die eigentliche Gefahr.
Je weniger Menschen selbst verstehen, prüfen und einordnen können, desto abhängiger werden sie von anderen, die ihnen erklären, was wahr ist, was richtig ist und was sie denken sollen.
Wo die Fähigkeit zum eigenen Denken schwindet, schwindet auch die Mündigkeit.
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