Die Sieger schreiben die Geschichte
Der US-Historiker David P. Calleo (1934–2023) von der Johns Hopkins University gilt als renommierter Experte für europäische Geopolitik. Aus Unzufriedenheit über die verzerrte Geschichtsschreibung nach 1945, die Deutschland als aggressiven Staat zeichnet, schrieb er ein Buch. Dort heißt es:
„Viele deutsche Autoren scheinen eine Art perversen Vergnügens daran zu finden, ihrem eigenen Volk eine einzigartige Schlechtigkeit zuzuschreiben, die es von der übrigens Menschheit abhebt.
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Die Deutschen hatten einen hohen Preis für ihr historisches Zaudern gezahlt. Es war unbehaglich, nur ein loser Staatenbund zu sein, der von zentralisierten Nationalstaaten umgeben war. Tatsächlich sind in der Geschichte der Neuzeit die Deutschen häufiger Opfer als Angreifer gewesen. Die deutschen Territorien, im Dreißigjährigen Krieg durch Invasoren entsetzlich verwüstet, wurden sozusagen zum Sportfeld, auf dem sich die unterschiedlichen dynastischen Ambitionen des Ancien régime austoben konnten. Später brachte die Französische Revolution mehr als zwei Jahrzehnte lang Deutschland fremde Eindringlinge und Besatzung.
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Erst nach den Eroberungsfeldzügen Napoleons brachen die Deutschen mit ihrer kosmopolitischen und partikularistischen Tradition und begannen, den auf Einheit hinzielenden Nationalismus ihrer Nachbarn zu übernehmen. Nachdem schließlich unter Bismarck ein Nationalstaat zustande gekommen war, gab es also durchaus Grund anzunehmen, daß ein prächtiges neues Deutschland sich als ähnlich expansionslüstern erweisen würde wie Frankreich, das ständig bestrebt gewesen war, die Vorherrschaft in Europa an sich zu reißen, oder Großbritannien, das ein riesiges weltweites Imperium erobert hatte. Zudem stieg Deutschlands wirtschaftliches Wachstum außerordentlich rasch an. Um 1900 hatte das neue Reich auf dem Kontinent nicht nur Frankreich in den Schatten gestellt, sondern seine Wirtschaft war auch tief nach Rußland eingedrungen und stand überall in der Welt in erfolgreichem Wettbewerb mit den Briten. […] Im Wettlauf um die Zukunft sahen sich die Deutschen bereits fatal gehandikapt. Die Vereinigten Staaten, Rußland und sogar Großbritannien lagen nämlich an der Peripherie Europas, Deutschland jedoch in dessen Mitte. Während also das Wachsen der Supermächte an der östlichen und westlichen Flanke den europäischen Status quo nur indirekt unterminierte, bedeuteten die deutschen Ambitionen einen Frontalangriff darauf.
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Es zählt tatsächlich zu den bemerkenswerten Leistungen der modernen offiziellen Geschichtsschreibung, daß sie ausgerechnet die Deutschen, die niemals ein ernstzunehmendes echtes Kaiserreich gehabt hatten, als die giftigsten Träger der imperialistischen Krankheit darstellt. Kurz gesagt: Deutschlands »Aggressivität« gegen die internationale Ordnung läßt sich aus der Beschaffenheit dieser Ordnung heraus ebenso plausibel erklären wie aus einer der besonderen Eigenschaften der Deutschen. Sogar die Nazi- Episode kann man weniger als Folge eines angeborenen Fehlers der deutschen Kultur interpretieren oder als ein gewissermaßen eigengesetzlich zum Ausbruch kommendes nationales Geschwür, das sich nach einem eigenen inneren Rhythmus entwickelt, sondern als Folge des intensiven Drucks, der von außen her auf Deutschland lastete. Geographie und Geschichte hatten sich verschworen, Deutschland zu einem späten, raschen, anfechtbaren und umkämpften Aufstieg zu verhelfen. Die übrige Welt reagierte darauf, indem sie den Emporkömmling zermalmte.
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Zweifellos ist es das Vorrecht der Sieger, Geschichte zu ihren Gunsten zu schreiben. Aber je ferner der Zweite Weltkrieg zeitlich rückt und je mehr wir den Glauben an unsere eigenen Tugenden, unsere Weisheit, Macht und an das System verlieren, das unser Sieg der Welt aufoktroyiert hat, könnten wir doch auch geneigt sein, das deutsche Problem in einem neuen Licht zu sehen.“
aus: David P. Calleo - Legende und Wirklichkeit der deutschen Gefahr (1980), S. 10-25
(im englischen Original hier abrufbar)
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