Aus: „Ernährungsreform“
Dr. H. Will (1926) ... Fortsetzung
III. Übergang
Brot - aber richtiges! - und Frischobst oder Frischgemüse ist die naturgemäße Nahrung des Menschen. Streng genommen ist ja selbst das Brot schon ein Kunstprodukt und (-zu jeder Kunst gehören Künstler-) deshalb auch der Verhandwerkisierung und Verfälschung zugänglich, wie wir sahen. Die wirklich naturgemäße Nahrung des Menschen sind Früchte und Samen, also Getreidekörner im Naturzustand genossen und in der Mühle der Zähne gemahlen. Aber ich habe noch von keinem Menschen unserer Breiten gehört, daß er seinen Organismus, außer bei gelegentlichen Versuchen, auf diese reine Naturkost umstellen konnte, weshalb diese Ernährung für die nächsten Generationen wohl kaum durchführbar sein dürfte. Da hier nur praktisch erprobtes und durchführbares angegeben werden soll, genügt der Hinweis. Früchte und Samen sind keinen Verfälschungen durch menschlichen Unverstand und wissenschaftlichen Irrtum zugänglich. Die Natur selbst irrt sich nie und ist der einzige verläßliche Maßstab, den wir haben. Umso eindringlicher muß nochmals auf die richtige Brotbereitung verwiesen werden. Nun aber kommt das große Aber, das den meisten Lesern auf der Zunge liegen wird. Ist denn diese Ernährung überhaupt durchführbar? Genügt sie zur Erhaltung der körperlichen Funktionen? Werden wir nicht verhungern? Was soll mit den übrigen Lebensmitteln geschehen? Kann man von einem Tag auf den anderen zu dieser Ernährung übergehen? Diese Fragen lassen sich nur je nach Lage der Verhältnisse beantworten. Auch hier haben wir nur einen einzigen zuverlässigen Maßstab: wiederum die Natur, diesmal aber die Natur in uns selbst. So unbedingt ich diese Ernährung befürworten möchte, so sehr weiß ich doch, daß es zahlreiche Menschen gibt, die davon Schaden haben und ihr Leben lang nicht dazu kommen werden. In uns liegt zum Teil infolge einer unendlich langen Vererbunsskette so viel Unnatur konzentriert, so viele Fremdstoffe und Schlacken, daß ein plötzlicher Übergang zu tödlicher Erkrankung, ein allmählicher zu ewigem Unbehagen und Schwäche führen kann. Ebensowenig, wie man einem älteren Herrn, der sein Leben lang an Alkohol gewöhnt war, diesen selbst bei schwerer Erkrankung verbieten soll, ebensowenig soll man ältere Leute zur Aufgabe der gewohnten Lebensweise n ö t i g e n. Auch läßt man diejenigen Menschen, deren Inneres sich dauernd absolut gegen diese Ernährung sträubt, am besten ihren Trab ruhig weiterlaufen, ohne jedoch zu unterlassen, sie immer wieder durch Vorbild und taktvolle Belehrung auf die Forderungen der Natur hinzuweisen. Ganz falsch ist alles Oberreden oder gar Zwingen. Wer ohne innerste Überzeugung, unter ständigen Zweifeln und innerer Abwehr zur Rohkost übergeht, dem wird sie bestimmt schaden. An sich ist es aber ganz selbstverständlich, daß diese Kost völlig ausreichend ist, um einen Menschen gesund, arbeitsfähig, kräftig und in guter Körperfülle zu erhalten. Das haben Tausende von Menschen bereits bewiesen. Ebenfalls bestätigt tausendfältige Erfahrung, daß man von einem Tag auf den anderen zu dieser Kost übergehen kann. Wo liegt das Geheimnis? - Der Schlüssel liegt in uns selbst, in unserem geistigen Leibe. Der menschliche Körper ist ein Instrument, ein Werkzeug des Geistes und ist auf die unerhörtesten Leistungen eingestellt. Nichts, was dem Gehirn erdenkbar ist, ist dem Menschen unmöglich. Muß ein Mensch weite Fußwege machen, so entwickeln sich die Beinmuskeln, beim Steinklopfer die Armmuskeln, beim Seemann die Augenschärfe, beim Blinden das Gefühl. Hat ein Mensch ein bestimmtes Ziel vor Augen, so spannen sich alle Kräfte, die Muskeln, Nerven, Sinne stellen sich auf die Aufgabe ein, ja, das Gehirn entwickelt neue Windungen, um bessere Gedanken und Pläne zu erzeugen. Der Leib ist ein gehorsamer Diener des Geistes (- wenn er nicht durch Unnatur ruiniert wurde!-), er ist ungeahnten Anforderungen gewachsen, einer unabfehlbaren Entwickelung fähig, wenn der Geist die Herrschaft hat......
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