Ernährungsreform
Dr. H. Will (1926) Fortsetzung
In neuester Zeit allerdings trifft man häufig das entgegengesetzte Unikum, vor allem bei angehenden, daß man dem Personal die von diesem gewünschte „gute Kost und Behandlung“ gewährt, nur um es zu halten, während die Herrschaft selbst zur einfachen eiweißarmen Kost übergeht. Kann man von Brot und Wasser allein leben? Z.B. die ganz Armen? Es ist kein Zweifel, daß dies früher für sehr lange Zeit, bestimmt viele Monate, wahrscheinlich auch für Jahre, möglich war, z.B. in Gefängnissen, beim Militär als Strafe und in gewissen Volksschichten aus einer Armut, die man heute überhaupt nicht mehr kennt. Auch aus ganz alten Zeiten sagt uns die Oberlieferung, daß das Brot vielfach das Hauptnahrungsmittel war. Möglich ist es also zweifellos, lange Zeit von Brot und Wasser allein zu leben. Aber das Brot muß auch danach sein! Mit dem heutigen Bäckerbrot dürfte dies nicht möglich sein, und wir haben ja auch seit 400 Jahren die Kartoffel als Volksnahrungsmittel gezüchtet und besonders in letzter Zeit immer wieder propagiert. Nach den wissenschaftlichen Ernährungsgesetzen, auch den neuesten, gebührt der Kartoffel auch dieser Rang, aber nach den geistigen Gesetzen nicht! Dies wird später in einem besonderen Kapitel über die Kartoffel des näheren noch ausgeführt. Selbst Ragnar Berg sagt noch, daß man sechs mal so viel Kartoffeln, als Brot essen soll, um den zur Gesundheit notwendigen Basenüberschuß der Nahrung zu erhalten. Aber zweifellos meint er mit «Brot» das heute übliche Bäckerbrot, welches durch sein fein gemahlenes Mehl und durch den Trieb mit Hefe oder Sauerteig stark säurebildend wirkt. Den geringsten Säureüberschuß von allen Broten weist das «Vollkornbrot» auf, womit aber in den Tabellen das Simonsbrot gemeint ist, welches ein durch Gärung getriebenes Roggenbrot ist. Über unser hier empfohlenes Weizenschrotbrot konnte ich nirgends eine Analyse finden. Wir dürfen jedoch annehmen, daß in diesem Brot der Basenüberschuß erreicht ist, da es vor dem Simonsbrot folgendes voraus hat: 1. Der Trieb zersetzt nicht durch Gärung oder Säurung einen Teil der Mineralsalze; 2. der Zusatz von Zucker erhöht den Basenreichtum, allerdings nur, wenn es brauner, unraffinierter Zucker (Klopferzucker) ist. Hat nun Simonsbrot bereits nur einen Säureüberschuß von 3 Prozent, gegen 22 Prozent des heutigen Feinbrotes, so darf man annehmen, daß unser Weizenschrotbrot einen, wenn auch geringen, Basenüberschuß erreicht hat. In geistiger Hinsicht ist aber der Weizen ungleich wertvoller, als der Roggen, wie wir aus den Kulturen der ältesten Völker wissen. (Fortsetzung folgt)
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