Ernährungsreform
Dr. H. Will (1926) Fortsetzung
Und das ist auch der springende Punkt, weshalb die Hausfrau das Brotbacken, wie überhaupt die Zubereitung der Speisen, nicht aus der Hand geben soll. Die Frau ist Trägerin der mütterlichen, priesterlichen, charitativen Eigenschaften in der Familie. Wie die Henne ihre Kücklein, so muß die Mutter ihre Lieben mit jenem Seelenstoff, jener geheimnisvollen Kraft versorgen, die den Kindern die innere Reife, dem Manne die Erbauung und Entspannung nach den Mühen des Geschäftstages beschert. Das ist das heilige der Frau, das sie über den Alltag, über die gewöhnliche Menschlichkeit hinaus erhebt, das uns «hinanzieht». Nur weil wir dies nicht mehr in der Frau suchen, erwarten, verlangen, weil wir sie nicht mehr entsprechend verehren, gibt es sie in heutiger Zeit nicht mehr überall. Die ganze Armut und Erbärmlichkeit der Männer und Kinder, die sich diese Kraftquelle nicht zu halten wissen, ist auch als natürliche Folge eines der Krankheitszeichen des Zeitgeistes. Diese hohen Kräfte entströmen aus den Händen der Frau und teilen sich allen ihren Arbeiten mit. Nicht umsonst hat die Naturordnung die Zubereitung der Speisen den Händen der Frau anvertraut, damit ihre Seelenkräfte auf diese Weise realisiert und an die, denen sie zukommen weitergegeben werden können. Dies ist der Sinn des biblischen Abendmahles, des Sprichwortes von der Liebe, die durch den Magen geht, der Sinn unserer Gastmähler, wo wir unseren Freunden ein Fünkchen von der seelischen Atmosphäre unseres Hauses mitteilen wollen. Was eine seelenvolle Frau in die Speisen hineinzulegen vermag, das kann jeder nachprüfen, der einigermaßen aufmerksam durch die Welt reist. Ich habe es immer und immer wieder erlebt. Es gibt einfache ländliche Gasthäuser, die man immer wieder vor den kulinarischsten städtischen Restaurants bevorzugt, weil die Wirtin selbst kocht und das Essen in eigentümlicher Weise schmackhaft zu machen versteht. Man macht ihre Rezepte bis aufs Tüpfelchen nach, aber niemals schmeckt es so, wie aus den Händen der Wirtin. Das ist das Geheimnis des guten Geschäftes vieler Wirtschaften, und ich wage zu behaupten, daß es bei solcher Seelenstärke überhaupt keiner Ernährungslehre bedarf, weil hier die Speisenzusammensetzung nach besseren Gesetzen erfolgt, als alle Experimentalwissenschaft ertiteln kann: nämlich nach der Intuition. Diese Kräfte liegen in jeder Frau, ausnahmslos, und wo geistige Verwirrung oder körperliche Krankheit sie unwirksam machen, da hilft liebevoll angeregte Selbsterkenntnis und -überwindung oder Ausheilung der die Kräfte verzehrenden Krankheit (durch Homöopathie und Naturheilkunde), um die Frau ihrer wieder bewußt und mächtig werden zu lassen. Dann beginnt eine neue Schaffensperiode für die ganze Familie, und dann wird die Frau auch mit stolzer Freude an die Mühe herantreten, ihren Lieben das wichtigste Lebensmittel, das tägliche Brot, selbst zu bereiten.
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