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Dr. med. homöop. Heinrich Will (1891-1971) Dr. med. homöop. Heinrich Will (1891-1971) @drmedhwill · 10.4K subscribers
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Ernährungsreform
Dr. H. Will (1926) Fortsetzung

Da der Landwirt merkte, daß die Kleie des Kornes ein vorzügliches Nährmittel für sein Vieh war, stieg die Nachfrage nach Kleie seitens der Viehbesitzer ebenso, wie die Nachfrage nach Feinmehl seitens der Gesamtheit, und der Müller konnte sich schmunzelnd die Hände reiben, da er zwei Fliegen mit einem Schlage fangen konnte: das Korn wurde in zwei Teile geschieden, die Kleie dem Vieh und das Feinmehl dem Menschen. Und je feiner das Mehl ausgemahlen war, desto mehr wurde dafür bezahlt, desto mehr galt es den Menschen. Aber leider wurde der Haken der Angelegenheit völlig übersehen: das Vieh gedieh und der Mensch wurde immer siecher! Erst die neuesten Ergebnisse der Ernährungsforschung haben uns gelehrt, daß das eigentlich nahrhafte, die Mineralsalze, Kompletine und das Vitamin, nur in der Kleie des Kornes vorhanden sind, daß wir also das beste dem Vieh und das nebensächliche und auf die Dauer krankmachende den Menschen gegeben haben.

Die richtige Brot- und Mehlmanscherei hat aber erst die Not des Krieges aufkommen lassen. Das Kriegsbrot wurde «gestreckt», aber nun nicht etwa mit nahrhaften Substanzen, wie etwa Kleie, sondern mit gekochten Kartoffeln, Steinmehl u. a.; und der privaten Manscherei der Bäcker waren Tür und Tor geöffnet. So wurde es nicht nur unschmackhaft, sondern durch Erregung von Gärung und Säure direkt krankmachend und hat uns immer weiter ab von der Wertschätzung des Brotes gebracht, und zwar zur Bevorzugung gekochter Kost. Aber die gleichen neueren Ernährungskenntnisse zeigen uns, daß der Kochprozeß den meisten Nahrungsmitteln ebenfalls die Mineralstoffe entzieht, daß gekochte Nahrung für uns also minderwertig ist. Wir nahmen demnach eine Menge schwerverdaulicher kraftloser, minderwertiger Lebensmittel in uns auf, ohne das nötige Gegengewicht gehaltvoller Nahrung, und haben es gedankenlos bis heute größtenteils beibehalten. Da brauchen wir uns nicht mehr zu wundern, daß es keinen gesunden Menschen mehr gibt, wenn jahrzehntelang derartig schwere Ernährungsfehler gemacht werden, und es ist selbstverständlich, daß wir uns bemühen müssen, diese Fehler künftig zu vermeiden. Der Anfang dazu muß beim Brot gemacht werden, und es ist außerordentlich schwer, hier einen Weg zu finden, der dem ganzen Volke Nutzen bringt. Brot ist der größte Massenartikel des täglichen Bedarfes, Millionen von Betrieben, die zum Teil Hand in Hand arbeiten müssen und auf einander angewiesen sind, haben sich in jahrelanger Arbeit auf diesen Artikel eingestellt und festgelegt, eine grundlegende Änderung in seiner Zusammensetzung und Herstellung wird an vielen Stellen empfindliche Verluste, ja wirtschaftlichen Ruin und Arbeitslosigkeit bringen. Es ist ähnlich, wie z. B. bei der Alkoholfrage: Milliarden unseres Volksvermögens, Tausende von Arbeitskräften sind in den Bier- und Weinbetrieben festgelegt und in ihrer Existenz davon abhängig, ein Alkoholverbot, das vom sozialen und hygienischen Standpunkt einfach unvermeidlich ist, wird zunächst eine Wirtschaftskrise und tausendfältige Brotlosigkeit mit sich bringen. In anderen sozialen Fragen ist es ähnlich. Aber dürfen wir deshalb die Tatsachen übersehen und von der Erfüllung richtig erkannter Forderungen abstehen? Sollen Millionen allmählich dahinsiechen, damit Tausende für den Moment erhalten bleiben?
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