Ernährungsreform
Dr. H. Will (1926) ………. Fortsetzung
V. Die Kartoffel
Das Heimatland der Kartoffel ist Südamerika. Von dort wurde sie in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts nach Europa gebracht, und zwar offenbar gleichzeitig nach Spanien und Italien. Es dauerte beinahe 200 Jahre, bis die Kartoffel allmählich in ganz Europa bekannt wurde, und sie galt in dieser Zeit mehr als eine seltene Delikatesse. In Deutschland hat erst Friedrich der Große nach den Hungersnöten und der Verarmung infolge der Kriege um die Mitte und Ende des 18. Jahrhunderts ihren allgemeinen Anbau als Volksnahrungsmittel durchgeführt, und erst seit dieser Zeit begann sich die Landwirtschaft allmählich auf Kartoffelbau umzustellen. Es ist aber erst 50 – 80 Jahre her, dass Deutschland ein ausgesprochenes Kartoffelland geworden ist und den weitaus ausgedehntesten Kartoffelbau von allen Kulturländern betreibt. So wurden im Jahre 1900 angebaut:
in Deutschland: 5,4 ha (100 ha Ges.fl.) 64,3 ha (10000 Einw.)
in Österreich 3,9 `` 44,8 ``
in Frankreich 2,9 `` 39,4 ``
in Ungarn 1,7 `` 10,6 ``
in England 1,6 `` 12,4 ``
in Rußland 0,7 `` 33,0 ``
Vereinigte Staaten 0,1 `` 13,8 ``
Bis zum Kriege 1914 war sowohl die Anbaufläche für Kartoffeln, als auch die Gesamternte, als auch die Erträge pro ha Boden in ständigem Steigen begriffen. Jedoch war schon in den Jahren vor dem Kriege die Kartoffelerzeugung unrentabel geworden. Die Kartoffelpreise schwankten in Norddeutschland zwischen 2,20 Mk., während die Erzeugungskosten im Mittel 2,94 Mk. betrugen. Der Krieg selbst, vor allem aber die Nachkriegszeit und Inflation haben eine Verwirrung in den Kartoffelbau gebracht. Für dessen heutigen Stand habe ich keine sicheren zahlungsmäßigen Unterlagen bekommen können. Jedoch steht folgender Eindruck fest: die Rentabilität des Kartoffelbaues ist noch weiter zurückgegangen, ferner hat die Qualität der auf den Markt kommenden Kartoffeln auffallend nachgelassen, obgleich man über die Schmackhaftigkeit der einzelnen Kartoffelrassen, wie über deren Anbautechnik, die erforderlichen Bodenverhältnisse usw. genau Bescheid weiß. War der Kartoffelbau als menschliches Nahrungsmittel aber schon vor dem Kriege unrentabel, so ist es klar, dass in der heutigen, für die Landwirtschaft noch in vielen anderen Hinsichten schwierigen Zeit, der Anbau eines unrentablen Nahrungsmittels für den Landwirt überhaupt nicht mehr tragbar ist. Daher ist es verständlich, dass immer mehr nur noch diejenigen Kartoffelsorten angebaut werden, die für den Landwirt praktischen Nutzen abwerfen: nämlich als Viehfutter und zur Branntweinerzeugung. Diese sind nun wieder für die menschliche Ernährung weniger geeignet, daher die Klagen über das Nachlassen der Qualität.
Dieser kurze Überblick über die Geschichte der Kartoffel in Deutschland zeigt uns folgendes:
1. Vor der Kartoffelära haben jahrhunderte-, ja, jahrtausendelang die Menschen ohne Kartoffeln gelebt. Es gibt heute noch ganze Völker, die ohne Kartoffeln leben.
2. Infolge einer natürlichen Selbstregulierung aller Dinge der Welt ist der Kartoffelverbrauch als Nahrungsmittel für Menschen offenbar im Rückgang begriffen. Ihr Anbau rentiert sich nicht, die Qualität wird schlechter, daher verlieren sowohl Erzeuger wie Verbraucher das Interesse daran. Es taucht die Frage auf: haben sich Friedrich der Große und die nachfolgenden Gesetzgeber vielleicht in der Bewertung der Kartoffeln als Nahrungsmittel geirrt? Waren etwa deren forcierte Maßnahmen zur Kultivierung dieser Frucht auf unserem Boden zum Nachteil für den Boden, die Landwirtschaft und die Volksernährung? ...Fortsetzung folgt...
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