Leseempfehlung: Ein Konflikt, bei dem es um die Zukunft von Belarus geht (Pozirk)
Der 25. März ist ein bedeutender inoffizieller Feiertag der belarussischen Opposition. Er geht zurück auf die Ausrufung der Belarussischen Volksrepublik (BNR) an eben jenem Tag im Jahr 1918 in Minsk. Es war das erste moderne belarussische Staatsprojekt. Auch wenn es nur neun Monate überlebte, spielt es für die belarussische Unabhängigkeitsbewegung eine enorme Bedeutung. Gerade heute – in einer Zeit, in der das System Lukaschenko diese mit Gewalt und Repressionen zu unterdrücken versucht.
Aus Anlass des diesjährigen Feiertags widmet sich der belarussische Journalist Alexander Klaskowski in einem Text für das Online-Medium Pozirk dem Dsen Woli, dessen Geschichte er rekapituliert. Dabei weist er darauf hin, dass die Belarussen zurzeit der BSSR nichts von diesem Tag wussten, dass dieser vor allem von der damaligen belarussischen Diaspora begangen wurde. Mit der Unabhängigkeitserklärung 1991 aber wurden die weiß-rot-weiße Flagge der einstigen BNR und das Wappen Pahonja zu den Staatssymbolen der Republik Belarus, 1995 schließlich wieder abgeschafft von Lukaschenko, der mit der Einführung der bis heute gültigen Flagge seinen neosowjetischen Kurs betonte. Danach blieben die Farben vor allem ein Symbol der oppositionellen Nationalbewegung. Dann, mit den Protesten von 2020, wurde die weiß-rot-weiße Fahne zum Symbol einer neuen Demokratiebewegung. Klaskowski: „Das Paradoxe daran war, dass sich die Nationalisten der alten Schule aus verschiedenen Gründen nicht an dieser Wahlkampagne beteiligten, und das Team von Swetlana Tichanowskaja warb überhaupt nicht für die weiß-rot-weiße-Symbolik. Wahrscheinlich spielten sowohl die langjährige Aufklärungsarbeit der alten, ideologischen Opposition als auch die einfache Ästhetik der Symbolik selbst eine Rolle. Sie war ein starker Kontrast zu den offiziellen Symbolen des Regimes, ein ausdrucksstarkes Zeichen für eine politische Alternative.“
Lukaschenko hat die Protestsymbolik verbieten lassen und unter Strafe gestellt. Zudem versucht das System, die BNR-Narrative im Land selbst auszumerzen, sie umzudeuten, stattdessen das Russische Imperium und die Sowjetunion als Förderer der belarussischen Eigenstaatlichkeit zu betonen. „Die intensive Debatte um den Dsen Woli ist ein Konflikt“, schreibt Klaskowski, „bei dem es weniger um die Geschichte als um die Zukunft von Belarus geht. Und es ist nicht nur ein Konflikt, sondern ein grausamer Kampf zwischen zwei Projekten. Das eine ist ein fehlerhaftes Projekt der Bindung an das Imperium, das das Land durch Degradierung und Verlust der Unabhängigkeit bedroht. Das zweite ist das Projekt eines demokratischen, den europäischen Werten verpflichteten und wahrhaft belarussischen Belarus.“
👉 Original (vom 25.03.2023)
👉 Übersetzung mit Google Translate
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