Der Vogelkirschbaum in der Kulturgeschichte
Die Vogelkirsche ist die Stammart unserer Süsskirsche. Fossile und prähistorische Funde von Kirschkernen in Siedlungen aus der Bronzezeit (etwa 2'200 v. Chr.) belegen das Vorkommen und die Nutzung dieser Frucht. Nachweislich kultivierten die Griechen bereits im 4. Jahrhundert v. Chr. verschiedene Sorten von Süsskirschen. Diese gelangten jedoch erst 74 v. Chr. durch den römischen Feldherr Lucallus nach Rom und wenig später über die Alpen bis ins südliche England.
Der Name der Vogelkirsche leitet sich einerseits ab vom Lateinischen "avium" resp. avis = Vogel. Dies, weil Vögel gerne das Fruchtfleisch der Kirschen, im Fall des Kernbeissers sogar deren Kerne, vertilgen. Anderseits stammt der Name "Kirsche" von der antiken Kolonialstadt Kerasas ab, heute Giresun (eine türkische Stadt am Schwarzen Meer), wegen den dort vorkommenden Kirschenwäldern.
Cerasus, wie die Römer den Kirschbaum benannten, lässt sich in einigen europäischen Sprachen ableiten: "cherise" (französisch), "cherry" (englisch), "kirse", "kerse" sowie 1469 erstmals nachweislich "Kirsche" (im Mittelhochdeutschen) sowie im Schweizerdeutschen das "Chriesi" oder "Chirseni". Der Ortsname "Kehrsiten" am Vierwaldstättersee erinnert an einen ehemals reichen Kirschbaumbestand. "Kirsch" und "Kriesi" sind zudem auch Familiennamen.
In der Heilkunde hat der Kirschbaum eine geringe Bedeutung. Rinden- und Blätterteile wurden jeweils dem Tee beigemischt und galten als harntreibend und schleimlösend. Das aus den Früchten gebrannte Kirschwasser ist nach wie vor beliebt. Ihm wird eine Verdauensfördernde und Magenstärkende Wirkung zugeschrieben. Gesammelte, getrocknete, in Leinensäckchen abgefüllte und in einem Ofen erhitzte Kerne können zum Wärmen im Bett oder auf empfindliche Körperstellen gelegt werden. Solche Kirschkernkissen ("Chriesimann") helfen bei Rheuma, Hexenschuss und kalten Füssen.
Aus volkskundlicher Sicht gesehen war der Kirschbaum einerseits eng verbunden mit dem Fruchtbarkeitskult. Anderseits wurde er früher als dem Mond zugehörend betrachtet. Zudem versuchte man, mittels Blütenorakel in die Zukunft zu sehen: Am Barbaratag (4. Dezember) abgeschnittene Zweige wurden in der warmen Stube in eine Vase mit Wasser gestellt. Jeder Zweig wurde mit verschiedenen Männernamen versehen, den das Mädchen zu heiraten gedachte. Der zuerst blühende Zweig deutete auf den Auserwählten hin. Bis heute hat sich der Brauch der Barbarazweige erhalten.
Einige im Volksmund geläufige Sprüche zum Kirschbaum:
Nach reifen Kirschen klettert man hoch.
Die besten Kirschen fressen die Vögel.
Je grösser die Kirschen, desto grösser der Kern.
Wenn die Kirschen reif sind, muss man sie pflücken.
Nicht von jedem Baum kann man Kirschen pflücken.
Mit ihm ist nicht gut Kirschen essen.
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