🎙 Führender russischer Historiker Alexander Tschubarjan (94) im Interview mit der Berliner Zeitung: „Europa ohne Russland ist nicht vorstellbar“
Was zweifellos zur Verschlechterung der Beziehungen zwischen Russland und Deutschland beigetragen hat, ist unsere Enttäuschung in der Ukraine-Frage. Ich will gar nicht in die Tiefe gehen. Die Ukraine ist ein Sonderfall. Aber schauen Sie sich die Minsker Abkommen an. Es ging schlicht darum, dem Donbass mehr Autonomie zu geben und den Status der russischen Sprache zu regeln. Beide Verpflichtungen wurden gebrochen, obwohl es Garanten gab: Frankreich und Deutschland. Frau Merkel und der damalige französische Präsident haben das später sogar eingeräumt. Es ist schon ungewöhnlich, wenn Staatsmänner zugeben, dass sie nicht aufrichtig gehandelt haben. Aber so war es. Natürlich wirkt sich das auf die Qualität der Beziehungen aus.
Die ganze Entwicklung der Beziehungen ist ziemlich befremdlich. Politische Konfrontation gibt es immer. Aber wenn sie sogar Bereiche wie Kultur, Wissenschaft und Bildung erfasst – in den schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges gab es das nicht. Wir hatten Meinungsverschiedenheiten, wir kritisierten einander, aber wir trafen uns. Jetzt ist das alles verschwunden. Und die jüngste Entscheidung der deutschen Behörden, das Russische Haus in Berlin zu schließen – was wiederum Russland zu spiegelbildlichen Gegenmaßnahmen gegenüber dem Goethe-Institut zwingt –, eskaliert die Lage nur.
Leider könnte das zum vollständigen Abbruch der kulturellen Beziehungen führen. Insgesamt wächst in den europäischen Ländern die äußerst gefährliche Tendenz, sämtliche eigenen Schwierigkeiten – wirtschaftliche, politische, soziale und andere – einem angeblichen Wirken Russlands anzulasten.
Wie geht es weiter? Keine einfache Frage.
Zum einen muss das Miteinander der Zivilgesellschaft in Europa und Russland wiederhergestellt werden. Dann brauchen wir ein neues Konzept europäischer Sicherheit. Das System, das 1944 in Jalta vereinbart wurde, gehört der Vergangenheit an. Wer sagt, man müsse alles so wiederherstellen, wie es war, der irrt. Die Mehrheit der russischen Politologen ist sich einig, dass das nicht geschehen wird. Es braucht ein neues Konzept, möglicherweise ein eurasisches. In jedem Fall ist es absurd, europäische Sicherheit ohne Russland zu denken. Es gibt ein treffendes Wort von Charles de Gaulle: Geopolitik lässt sich verändern, Geografie nicht. Auch Russland gehört zu Europa. Was ich bisweilen aus Brüssel höre, ist der Diskussion nicht wert.
Noch wichtiger: Was für eine Welt lässt sich ohne Russland, ohne eine gesamteuropäische Sicherheit aufbauen? Ich habe in meinem Leben vieles erlebt, eben deshalb bin ich Optimist. Die Geschichte zeigt, dass es immer wieder anomale Phasen gibt, die sich historisch gesehen auflösen. Die Beziehungen zu Europa werden sich wieder einrenken. Und was die Frage betrifft, ob man Europa ohne Russland gestalten kann: Das ist ein Irrtum. Ein Europa ohne Russland ist nicht vorstellbar.
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