Was Nehls sagt (EU-Parlaments-Video): Eine Studie aus Texas zeige, dass in Gebieten mit mehr Lithium im Trinkwasser bis zu 71 % weniger Krebs vorkommt.
Was wirklich drinsteht: Die Arbeit ist nur eine Beobachtung, kein Experiment. Sie findet schwankende Zusammenhänge, die je nach Region sogar das Gegenteil zeigen – und sie selbst warnt ausdrücklich vor kausalen Schlussfolgerungen.
Kurz: Aus dieser Studie einen „Beweis“ zu basteln, ist wissenschaftlich unhaltbar und führt Laien in die Irre.
1️⃣ Ausnahmen untergraben den Trend
Die eigenen Daten zeigen Gegenden mit viel Lithium und trotzdem höherem Krebsrisiko – und umgekehrt Gegenden mit wenig Lithium und niedrigerem Risiko. Wäre Lithium der Schlüssel, müsste der Effekt überall gleich ausfallen.
▪️Westliches Quintil 2 (alle Krebsarten, nur Männer)
• Lithium ≈ 20 µg/L → HR 1,33 (tendenziell mehr Krebs)
▪️ Östliches Quintil 2 (alle Krebsarten, nur Männer)
• Lithium ≈ 4 µg/L → HR 0,44 (56 % weniger Krebs).
> Quintile 2 … 1.33 (0.79–2.23) in western states vs 0.44 (0.26–0.75) in eastern states.“
– Tabelle 3
Hinweis: Rechnet man roh (Fälle ÷ Teilnehmer) innerhalb dieses Quintils, kommt man auf 4,1 % Krebsfälle im Westen, aber nur 3,2 % im Osten – der Westen schneidet also sogar schlechter ab, obwohl sein Lithiumspiegel rund fünfmal höher liegt.
(Dasselbe Muster findet sich auch bei Brust- und Prostatakrebs: West-Q2 ~20 µg/L → HR 1,53 bzw. 1,48; Ost-Q2 ~4 µg/L → HR 0,43 bzw. 0,38.)
2️⃣ Keine individuelle Dosis erfasst
▪️ Null Daten zu Wasserverbrauch oder Biomarkern – niemand weiß, wer überhaupt Lithium getrunken hat.
“We did not have information about bottled water consumption …”
▪️ Dosis bloß theoretisch aus 1,3 L/Tag hochgerechnet (≈ 0,2 mg Li) – reine Annahme, keine Messung.
“Considering the average daily water consumption is about 1.3 L … would only ingest about 0.2 mg of lithium each day.”
3️⃣ Beobachtungsstudie ≠ Kausalbeweis
▪️ Die Autoren selbst warnen: Der gedeutete Zusammenhang rechtfertigt keine Empfehlung, mehr Lithium zu trinken.
> “The associations between lithium exposure and reduced cancer risk observed in this study do not necessarily promote intake of lithium-rich water as a public health strategy. Clinical evidence has illustrated an adverse association between lithium medication and kidney and thyroid functions.”
4️⃣ Lithium-Messung viel zu grob
Durchschnittswerte wurden nur für riesige 3-stellige Postleitzahlgebiete geschätzt; die Forschenden räumen ein, dass dies die Ergebnisse verzerren kann.
▪️ Nur Durchschnittswerte für riesige 3-stellige Postleitzahlgebiete.
> “Exposure misclassification cannot be ruled out… The 3-digit zip code level … leading to potential misclassification.”
5️⃣ Umwelt- und Lebensstilfaktoren fehlen
Die Autoren nennen selbst Klima, Luftqualität und UV-Strahlung als mögliche Erklärungen, die sie nicht einbeziehen konnten.
▪️ UV-Strahlung, Luftqualität … nicht berücksichtigt. Auch Variablen nicht wie Ernährung, Bewegung, BMI, Umweltverschmutzungund co.
> “Other environmental factors, including air quality and UV radiation exposure, may also influence regional cancer rates… these factors were not included.”
❗️Kurzfazit
Die Studie ist keine randomisierte Kontrollstudie und taugt daher nicht als Beweis für „mehr Lithium = 71 % weniger Krebs“. Diese Zahl ist eine stark verzerrte Fehlinterpretation. Wer sie verbreitet, bedient vor allem Nahrungsergänzungs-Verkäufer – nicht die Aufklärung. Noch fragwürdiger sind Forderungen, Lithium dem Trinkwasser beizumischen und es sogar Babys zu empfehlen.
Zur Erinnerung: Lithium ist ein stark wirksames Psychopharmakon, das man bei schweren bipolaren Störungen einsetzt. Schon niedrige Dosen greifen ins zentrale Nervensystem ein und können Stimmung und Denken verändern. Eine flächendeckende Zufuhr ist daher weder wissenschaftlich begründet noch ethisch vertretbar.
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