Die Naturwissenschaften
Heft 49, 3.12.1937, Jg. 25
Biologie und Medizin 1/5
Alle Arten von elektrischen Strömen sind nach ihrer Entdeckung auch in der Medizin ausprobiert worden; auffallend ist, daß die Ultrakurzwellen erst so spät systematisch angewandt worden sind. Seit der ersten Anwendung elektrischer Schwingungen in der Medizin überhaupt, die das Verdienst von D'ARSONVAL ist, ist eine lange Zeit vergangen; auf Grund dieser ersten Versuche hat man nur den Frequenzen von 300.000 - 1.000.000 Perioden Interesse geschenkt. Das Kurzwellengebiet blieb so gut wie unbeachtet, obwohl seit der Entdeckung der Löschfunkenstrecke durch Max WIEN die Möglichkeit zu einer Anwendung ohne weiteres gegeben war. Erst von der Elektronenröhre ist dann die neue Anregung ausgegangen, und zwar hat E. ESAU, Jena, die physikalischen Grundlagen durch die Vereinigung des leistungsfähigen Senders mit Wellenlängen unter 20m und des Kondensatorfeldes geschaffen.
Über diese grundlegenden Fragen der Kurzwellentherapie sprach einleitend Prof. E. SCHLIEPHAKE, Gießen, in seinem Vortrag „Wirkungsweise und Indikationen der Kurzwellen". Die Kurzwellentherapie ist keinesfalls ein Allheilmittel. Erfolge darf man nur erwarten bei eingehendster Kenntnis der Indikationsgebiete und der Anwendungsarten. So einfach die Kurzwellentherapie aussieht, so gehört sie doch nicht in die Hand von Schwestern und Bademeistern. Vom Kurzwellentherapeuten ist vielmehr eine genügende Vorbildung unbedingt zu verlangen.
Von den Anwendungsgebieten kommt zunächst eine Gruppe von eitrigen Entzündungen in Frage, von denen an erster Stelle die der Haut, der Nebennasenhöhlen und eitrige Lungenabscesse stehen. Voraussetzung für den richtigen Erfolg ist die richtige Dosierung. Für diese sind leider noch keine exakten Meßinstrumente vorhanden, so daß das ärztliche Gefühl, die entsprechende Ausbildung und Erfahrung noch allein maßgebend sind. Bei Unterdosierung wird nichts erreicht. Überdosierung kann unter Umständen die Erkrankung verschlimmern und großen Schaden stiften. Die Toleranz für die Kurzwellenenergie scheint im Laufe der Behandlung zuzunehmen, so daß man bei ausgedehnteren Prozessen die Dosis allmählich steigern kann. Im allgemeinen gilt die Regel: Je akuter der Prozeß, desto kürzer die Durchflutungszeit und die Wellenlänge, desto geringer ferner die Dosis.
Die guten Erfolge sind schon heute von zahlreichen Autoren an einem sehr großen Material bestätigt worden; Mißerfolge, die nur von ganz vereinzelten Stellen gemeldet werden, müssen daher besondere Ursachen haben. Wenn darauf hingewiesen wird, daß in einigen Fällen noch nachträgliche Eingriffe notwendig geworden sind, so muß demgegenüber betont werden, daß vielen Patienten Eingriffe von vornherein erspart werden konnten, die als unbedingt nötig bezeichnet worden waren; andererseits ist man auch in manchen Fallen mit der Ultrakurzwellentherapie zum Ziel gekommen, wo vorherige, zum Teil wiederholte chirurgische Behandlung versagt hatte. Hundertprozentige Erfolge soll man von keinem Verfahren verlangen. In gewissen Fällen konnten auch die Aussichten eines chirurgischen Eingriffes durch vorherige Kurzwellenbehandlung verbessert werden, wie bei manchen chronischen Kieferhöhlenaffektionen u. dgl. Auch in der Nachbehandlung nach chirurgischen Eingriffen kann die Kurzwellentherapie Wertvolles leisten.
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(S. 791)