Jugend und Technik, 1965-11
Leonid Golowanow
Die Lebensweide wird gedüngt 1/3
Erst in den letzten Jahren z. B. wurde durch die Arbeiten des sowjetischen Professors Wolskij der seit Lavoisiers Zeiten herrschende Irrtum beseitigt, dass der Luftstickstoff biologisch nicht aktiv und kein lebensnotwendiges Agens unserer Atmung sei.
In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts machten französische Ärzte eine seltsame Entdeckung: In Hospitälern mit künstlicher Ventilation war die Sterblichkeit höher als in den Krankenhäusern ohne jegliche Ventilation, in denen die Luft ihren Weg durch Fenster und Rauchabzüge nahm. Diese Tatsache wurde Gegenstand zahlreicher und stürmischer Debatten in der Pariser Medizinischen Akademie, der Pariser Chirurgischen Gesellschaft und auf dem Internationalen Hygienekongress im Jahre 1878.
In den 90er Jahren des gleichen Jahrhunderts führte der bekannte russische Hygieniker Kijanizyn interessante Versuche durch. Er setzte unter einer Glasglocke Meerschweinchen, Kaninchen und Hunde gereinigter Luft aus, die vorher durch feinen Sand, durch Watte geleitet und danach wieder auf Normalwerte abgekühlt worden war. Nach einigen Tagen erkrankten die Tiere in dieser überreinen Atmosphäre und starben. Die Kontrolltiere dagegen, die unter genau den gleichen Bedingungen und bei unbrürhter Zimmerluft gehalten wurden, blieben gesund und munter. Es drängte sich die Schlussfolgerung auf, dass die durch Filter geleitete Luft biologisch inaktiv wird. Warum aber? Die chemischen Bestandteile sind die gleichen geblieben: 20 Prozent Sauerstoff, 80 Prozent Stickstoff — unberücksichtigt dabei das eine Prozent inerter Gase, die wahrscheinlich in den Lebensprozessen keine Rolle spielen.
Das Rätsel der Versuche Kijanizyns, die seinerzeit in Vergessenheit gerieten, wie auch der seltsamen Entdeckung in den französischen Krankenhäusern vermochte der sowjetische Biophysiker Prof. Tschishewski zu erklären. 1918 führte er Experimente durch, deren Ergebnis eine bedeutende Entdeckung war: Der Sauerstoff ist biologisch nur dann aktiv, wenn er ein negativ geladenes lon darstellt. Elektrisch neutraler Sauerstoff ist nicht aktiv. Positive lonen, die in der Luft enthalten sind, üben einen ungünstigen, ja bisweilen sogar schädlichen Einfluss aus.
Die Moleküle der atmosphärischen Luft, die wir einatmen, enthalten immer zu einem gewissen Teil elekrische Ladungen. Diese Tatsache war den Forschern vor Tschishewski entgangen. Die lonisierung der Luft ist eine der Voraussetzungen für eine normale Entwicklung des hochorganisierten Lebens. Von alters her haben die Menschen intuitiv gespürt, daß die Luft in verchiedenen Lagen nicht gleichwertig ist. Die "Landluft" der Felder, Wiesen und Wälder bezeichnen wir als heilkräftig. Wenn wir aufs Land fahren, wollen wir der ungesunden Stadtluft entfliehen. Nicht ohne Grund haben schon die Ärzte des Altertums gesagt: "Die Luft ist die Weide des Lebens."
Die Einwohner der modernen Städte, die neun Zehntel ihres Lebens in geschlossenen Räumen zubringen, verlieren allmählich ihre biologischen Schutzkräfte, ihr Skelett deformiert sich, die Muskulatur wird geschwächt, ihre Gewebe und Organe erfahren nicht korrigierbare Veränderungen. Krankheiten, vorzeitige Vergreisung können Begleiterscheinungen der Verhäuslichung des Menschen sein. Denn die Stadtluft enthält, abgesehen von der Verschmutzung durch die Industrie, fünf- bis zehnmal weniger lonen als die Landluft. Aber diese lonen erhöhen den neuro-psychologischen Tous, spenden Frische und gute Laune.
Messungen der natürlichen lonisierung der Luft haben gezeigt, dass in einem Kubikzentimeter Luft 700...1500 negative Luftionen enthalten sind. In einige Kurorten - sog. Elektrokurorten - erreicht ihre Zahl 15000. In Wohnungen dagegen sinkt sie auf 25. Das genügt gerade, um den Lebensprozess des Menschen aufrechtzuerhalten.
Das instinktive Verlangen, des Fenster zu öffnen oder von Zeit zu Zeit ein wenig "Luft zu schnappen", ist deshalb ein sehr natürliches Bedürfnis.
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