Die Diskos von Phaistos (Phaistos Disc) ist eines der rätselhaftesten archäologischen Zeugnisse des minoischen Kreta. Sie wurde 1908 im Palast von Phaistos entdeckt, ihr Alter wird gewöhnlich auf rund 3700 Jahre geschätzt. Doch das eigentlich Erstaunliche ist nicht ihr Alter, sondern die Frage, was genau auf ihr geschrieben steht.
Beide Seiten der Scheibe sind mit einer Spirale aus 241 Zeichen bedeckt, die in 61 Gruppen unterteilt sind. Unter den Symbolen finden sich menschliche Figuren, Vögel, Pflanzen, Waffen, Schiffe und andere erkennbare Motive. Doch die Sprache dieser Inschrift ist bis heute nicht zweifelsfrei entziffert.
Hinzu kommt ein ungewöhnliches technisches Detail: Die Zeichen wurden nicht nacheinander eingeritzt. Stattdessen drückte man sie mit einzelnen Stempeln in den noch feuchten Ton und brannte die Scheibe erst danach. Im Grunde handelt es sich um ein Prinzip des Textsatzes mit wiederverwendbaren Zeichen - fast drei Jahrtausende vor dem europäischen Buchdruck.
Besonders faszinierend ist jedoch die Struktur der Inschrift selbst. Manche Zeichengruppen wiederholen sich wie ein Refrain. Das Archäologische Museum von Heraklion sieht darin einen der ernstzunehmenden Hinweise darauf, dass es sich um einen Hymnus oder um einen Text magischen Charakters gehandelt haben könnte - möglicherweise um eine rituelle Beschwörung.
Und hier zeigt sich eine Form, die nahezu ideal zu einem antiken Ritual passen würde: Der Text beginnt am äußeren Rand und führt den Leser spiralförmig immer weiter zum Zentrum. Mit jeder Windung verengt sich der Raum, bis die Abfolge der Zeichen buchstäblich in das Herz der Scheibe führt.
Was sich an diesem Punkt befand - eine abschließende Formel, der Name einer Gottheit, der Höhepunkt eines Hymnus oder etwas völlig Prosaisches -, wissen wir nicht.
Und es gibt noch ein weiteres Rätsel. Die Schrift der Diskos von Phaistos ist nahezu einzigartig. Lange Zeit wirkten das Objekt selbst, die Art der Zeichenanbringung und ihre Anordnung so ungewöhnlich, dass sogar die Theorie einer modernen Fälschung aufgestellt wurde. Spätere Untersuchungen lieferten jedoch gewichtige Argumente für ihre Echtheit, und auf anderen kretischen Fundstücken wurden einzelne Zeichen entdeckt, die den Symbolen der Scheibe stark ähneln.
Besonders interessant ist eine Bronzeaxt aus der Höhle von Arkalochori, die 1935 gefunden wurde. Mindestens einige ihrer Zeichen weisen eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Symbolen der Diskos von Phaistos auf. Bemerkenswert ist zudem, dass der sogenannte „Federkopf“ sowohl auf der Scheibe als auch auf dieser Axt das am häufigsten vorkommende Zeichen ist.
So ergibt sich ein merkwürdiges Bild: Vor uns liegt offenbar keine zufällige Ansammlung von Zeichnungen. Die Symbole sind organisiert, wiederholen sich, bilden Gruppen und folgen vermutlich sprachlichen Gesetzmäßigkeiten. Vielleicht blicken wir tatsächlich auf die Worte eines Menschen, der vor beinahe viertausend Jahren lebte.
Wir sehen jedes einzelne Zeichen.
Wir wissen, in welcher Reihenfolge sie zu lesen sind.
Doch bis heute wissen wir nicht, was sie sagen.
🔮 @FabulaX
Post #2619
738

- 👍 10
- 🤔 3
- ❤ 2
- 🤩 1