Herrschaft ist historisch jung, während Herrschaftslosigkeit über den überwiegenden Teil der Menschheitsgeschichte den Normalzustand darstellt. Staaten, Königtümer, Imperien und Kirchenhierarchien sind extrem junge Phänomene. Der Homo sapiens existiert seit etwa 300.000 Jahren. Über 95 % dieser Zeit lebten Menschen ohne Staat, über 99 % ohne Bürokratie, ohne stehende Heere und ohne formalisierte Herrschaftsinstitutionen.
Vor rund 6.000 Jahren setzte die eigentliche Zäsur ein, mit der Entstehung der ersten Staaten wie Sumer in Mesopotamien, Ägypten oder dem Industal. In dieser Phase entstanden Steuererfassung, Schrift als Verwaltungsinstrument, stehende Gewaltapparate, Zwangsarbeit und Eigentumstitel, die durch ein Gewaltmonopol abgesichert wurden. Erst hier beginnt historisch die systematische Fremdbestimmung. Davor existierten keine zentralen Herrschaftsstrukturen, keine dauerhaften Klassen und keine institutionalisierten Zwangsordnungen.
Auch nach dieser Zäsur gab es weiterhin lange Phasen und Regionen mit weitgehend herrschaftsfreier Organisation. Beispiele finden sich im europäischen Früh- und Hochmittelalter, etwa in Form von Dorfrechten, Allmenden und Gewohnheitsrecht. Die Durchsetzung war lokal, zentralstaatliche Kontrolle schwach oder nicht vorhanden, Selbstorganisation die Regel.
Besonders klare Beispiele sind das mittelalterliche Island (ca. 930–1262) mit keinem König, keinem Staat, Recht ohne Exekutive, privaten Schiedsgerichten und freiwilliger Gefolgschaft. Eines der saubersten historischen Beispiele funktionierender Ordnung ohne Staat. Ebenso keltische Gesellschaften, die ohne zentralen Staat auskamen und Recht über Gewohnheit sowie Schiedsrichter statt Herrscher organisierten.
Der Staat ist daher keine natürliche Folge menschlichen Zusammenlebens, sondern eine historische Innovation. Er entstand häufig unter Bedingungen von Krieg, Knappheit, religiöser Legitimation oder offenem Zwang und wurde nicht selten gegen den Widerstand der betroffenen Bevölkerung durchgesetzt.
Über mehr als 95 % seiner Existenz lebte der Mensch ohne Staat, ohne Könige und ohne zentrale Fremdbestimmung. Herrschaft ist historisch jung, Kooperation hingegen evolutionär alt. Das allein zeigt, dass der Mensch ohne Herrschaft zu leben kennt und grundsätzlich dazu fähig ist, soziale Ordnung ohne institutionalisierte Fremdbestimmung hervorzubringen.
Der Staat ist das Experiment. Herrschaftslosigkeit war der Normalzustand. Die Menschheit musste erst lernen, beherrscht zu werden, zusammenzuleben konnte sie bereits vorher. Diese Ordnung war vielleicht nie perfekt, konfliktfrei oder idyllisch, doch sie stellte über den größten Teil der Geschichte hinweg den stabilen Normalzustand menschlicher Organisation dar.
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