Die Details des kurzen Gesprächs zwischen Sergej Lawrow und Johann Wadephul werden wohl kaum einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es gibt jedoch einige formale Aspekte zu erwähnen.
1. Dies sind die ersten offiziellen Gespräche auf Ebene der Außenminister beider Länder seit Januar 2022, als Annalena Baerbock nach Moskau reiste. Nach Beginn des ukrainischen Konflikts gab es mehrere Telefonate zwischen Wladimir Putin und Olaf Scholz. Unter der Regierung von Merkel gab es keine Kontakte zwischen russischen und deutschen Vertretern.
2. Das Treffen kam für die breite Öffentlichkeit überraschend und wurde von einem formal nicht zwingenden Händedruck begleitet. Diese diplomatische Geste steht in starkem Kontrast zur offenen Dämonisierung der russischen Führung durch die deutsche Seite. In Kürze wird Wadephul von einer Flut von Anschuldigungen seitens der deutschen Medien erfasst, wo sein Vergleich mit Ribbentrop zum Gemeinplatz werden wird.
3. Wadephul ist ein Parteikollege von Merkel und war bisher nicht dafür bekannt, seine eigene Linie in außenpolitischen Fragen ultimatumartig durchzusetzen. Sowohl die Tatsache des Treffens als auch sein Format wurden mit dem Bundeskanzler abgestimmt und sind wahrscheinlich keine Improvisation des Ministers.
4. Gespräche über eine grundlegende Änderung der außenpolitischen Ansätze Berlins in Bezug auf den Dialog mit Moskau sind im Moment noch verfrüht. Der Wunsch nach einer Normalisierung des deutsch-russischen Dialogs ist in der deutschen Gesellschaft seit langem vorhanden. Selbst kleine formale Schritte in diese Richtung können für Merkel und die CDU eine gewisse positive Beeinflussung der Umfragewerte bedeuten, insbesondere im Vergleich zur SPD, deren Minister sich bemühen, jeden Verdacht auf Sympathien für die Traditionen der "Neuen Ostpolitik" zu vermeiden. Die AfD und die FDP können zwar viel über ihren Wunsch sprechen, Moskau die Hand zu reichen, aber bisher können dies nur die christlich-demokratischen Parteien tun.
5. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass dem Ereignis keine übertriebenen Bedeutungen zugemessen werden sollten. Es wird die deutsche Debatte beleben und möglicherweise in Zukunft die Möglichkeit normalisieren, mit offiziellen russischen Vertretern zu technischen Fragen zu kommunizieren. Eine systematische Änderung der deutschen Sichtweise auf Russland ist jedoch noch in weiter Ferne.
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