12 MILLIONEN VERSCHICKUNGEN – UND KAUM JEMAND SPRICHT DARÜBER
Zwischen 1951 und 1990 gab es nach einer Studie der Humboldt-Universität etwa 9,8 bis 13,2 Millionen Aufenthalte von Kindern in Kinderkur- und Erholungsheimen. Mehr als 2.000 Einrichtungen gehörten zu diesem System.
Viele Eltern glaubten, sie täten ihren Kindern etwas Gutes. Die Kinder sollten sich erholen, zunehmen, gesund und kräftig werden.
Doch für viele wurde die vermeintliche Kur zum Albtraum.
Betroffene berichten von Essenszwang, Redeverboten, Demütigungen, Strafen, körperlicher und psychischer Gewalt, Isolation sowie in einzelnen Einrichtungen von sexualisierter Gewalt und Medikamentenversuchen.
Und das war kein abgeschottetes Heimwesen am Rand der Gesellschaft.
Ärzte verschrieben die Kuren.
Jugend- und Gesundheitsämter veranlassten sie. Krankenkassen und Rentenversicherungen finanzierten sie. Caritas, Diakonie, Deutsches Rotes Kreuz, Kommunen und private Träger betrieben zahlreiche Einrichtungen.
Beschwerden gab es. Doch Aufsicht und Kontrolle griffen vielerorts nicht ausreichend. Der Forschungsbericht beschreibt Personalmangel, unklare Zuständigkeiten und mangelndes Eingreifen von Aufsichtsbehörden.
Eine weitere erschütternde Ebene:
1945 war das NS-Regime beendet. Aber damit verschwanden nicht automatisch alle Menschen, Karrieren und Denkweisen, die dieses System getragen hatten:
Ein besonders drastisches Beispiel ist Werner Catel. Er hatte eine zentrale Rolle bei der nationalsozialistischen „Kindereuthanasie“ gespielt. Bereits 1947 wurde er Leiter der Kinderheilstätte Mammolshöhe. Dort wurden unethische Medikamentenversuche an tuberkulosekranken Kindern durchgeführt; mindestens vier Kinder starben.
Auch Hans Kleinschmidt war NSDAP-Mitglied und durch seine Tätigkeit während der NS-Zeit schwer belastet. Später leitete er das DRK-Kindersolbad Bad Dürrheim. Dort sind Medikamententests an Kurkindern dokumentiert. Von ihm stammen zudem Vorschläge für Strafen und Disziplinierungsmaßnahmen.
Das bedeutet nicht, dass das gesamte Kinderkurwesen einfach eine Fortsetzung des Nationalsozialismus gewesen wäre.
Aber es zeigt:
Ein politisches System kann enden. Menschenbilder, autoritäre Erziehungsvorstellungen, institutionelle Netzwerke und Karrieren verschwinden deshalb nicht automatisch.
Und was machte all das mit den Kindern?
Was lernt ein drei-, vier- oder fünfjähriges Kind, das wochenlang von seinen Eltern getrennt wird und erlebt, dass Weinen nichts verändert, Bedürfnisse nicht zählen und Nähe nicht verlässlich verfügbar ist?
Vielleicht:
Brauch niemanden.
Zeig keine Schwäche.
Verlass dich lieber auf dich selbst.
Halte Abstand.
Heute wissen wir aus der Bindungs- und Traumaforschung, dass Vernachlässigung, Misshandlung und frühe belastende Erfahrungen spätere Bindungsmuster, Selbstwert und Beziehungen beeinflussen können. Auch Zusammenhänge mit vulnerablen narzisstischen Mustern werden beschrieben.
Nicht jedes Verschickungskind wurde misshandelt.
Nicht jeder Betroffene ist traumatisiert.
Und aus einer schwierigen Kindheit folgt nicht automatisch ein bestimmter Bindungsstil oder eine Persönlichkeitsstörung.
Aber bei Millionen solcher Aufenthalte darf eine Frage gestellt werden:
Was hinterlassen solche Erfahrungen in einer Generation?
Was tragen Menschen davon später in ihre Partnerschaften, Familien, die Erziehung ihrer eigenen Kinder + vielleicht sogar in die nächste Generation weiter?
Die Geschichte d. Verschickungskinder ist deshalb nicht nur Vergangenheit.
Sie ist auch eine Warnung davor, was geschehen kann, wenn Institutionen sich gegenseitig bestätigen, Kontrolle versagt und diejenigen, die ihnen anvertraut sind, keine Stimme haben.
Aufarbeitung bedeutet zu verstehen, wie so etwas möglich werden konnte.
Damit es sich nicht wiederholt:
https://t.me/Alexa_fragt_nach/8790
#Verschickungskinder #Kinderverschickung #Aufarbeitung #Kinderschutz #Trauma #Bindung #Nachkriegsgeschichte #Deutschland #fragdochmalAlexa #Niedersachsen
News + Anmeldung: Web 📌 YouTube 📌 Rumble
👉 Telegram 📌 Facebook
http://www.csmedicus.org
❤️ Förderbeitrag 🙏
Post #19619
247